Verbotene Gedanken /Teil 2

Es war schon sagenhaft, wie viele tiefst unsympathische Menschen es doch auf einen Haufen geben konnte!!!! Egal ob im Speisesaal, im Gemeinschaftsraum oder in den Therapien, es wimmelte nur so von grantigen Gesichtern, die sich hier offensichtlich auch nicht wohl fühlten...was machte Jennifer nur hier??? Sie wollte nur mehr weg und sehnte sich zum 1.Mal nach den Rindviechern zu Hause, bei dessen Versorgung sie ihr Hirn nicht mehr einschalten musste, was ihr in diesem Moment als das einzig Richtige in ihrem Leben, vorkam.

Erste Gruppentherapie überstanden. Sie musste nur kurz etwas von sich erzählen, das ging. Auch der Spaziergang gleich nach dem Frühstück tat ihr gut. Die Kälte, der Schnee, all das fühlte sich so echt an.

Am Tisch saß Jennifer mit 2 Frauen. Sie dürften nett sein. Der Vierte am Tisch war ein Mann, nichtssagend. Das Schlafen in der Fremde war kaum möglich. Zu viele Gedanken kreisten ihr im Kopf. Wie gerädert stand sie auf und schleppte sich zum Frühstückstisch. Beide Damen waren schon anwesend. Sofort kam das Thema schlecht Schlafen auf den Tisch und alle drei gaben dazu ihren Beitrag. Das Eis war gebrochen! Von nun an freute sich Jennifer immer auf jede Mahlzeit. Sie saßen auch nach dem Essen noch beieinander und ratschten. Wie tat das gut!!! Jetzt wollte Jennifer nicht mehr heim!

Die Tage vergingen und nach zwei Wochen konnte sie sagen, dass sie richtig angekommen war! Die Spaziergänge im großen Park, der Bach, der sich durch den Wald schlängelte, das Rauschen dazu - all das war bald Balsam für die Seele. Doch nicht nur der Bach hinterließ bei Jennifer Spuren, nein, irgendwann wurde ER immer präsenter. ER war ein Gruppenmitglied, der Mitreißer in der Runde, wenn man abends noch in der Longe zusammen saß und irgendwann ein enger Vertrauter. Mit ihm konnte sie einfach alles besprechen. Die Zuneigung stieg und sie suchte förmlich nach seiner Unterhaltung. Sie konnte es kaum glauben, dass sich ein Mann, ein fremder Mann für sie interessierte! Sie war es doch nur gewöhnt von 25 Augenpaaren im Kuhstall erwartungsvoll angeklotzt zu werden - und jetzt sowas! Und nicht nur ER wurde auf sie aufmerksam. Nein, besonders Männer um die 60 würdigten Jennifer mit bewundernden Blicken.

Was ihr hier auf Kur auch plötzlich gelang war, dass sie etliche Kilos so nebenbei abnahm. Es war für sie unglaublich! Plötzlich fühlte sie sich wieder attraktiv, wie vermisste sie dieses Gefühl! Sie dankte dem Himmel!

Nachdem es hier eine Gruppe gab, die fast täglich auf ein Glaserl gingen oder sogar Tanzen, so willigte sie für den Freitag drauf ein, auch einmal mit zu gehen. Wie ein junges Schuldirndl kam sie sich vor, als sie sich in die enge schwarze Hose schmiss und das neue Top dazu trug. Das Parfume kitzelte in ihrer Nase. Der Lippenstift passte perfekt zu ihrem Outfit. Jennifer konnte sich nicht erinnen, wann sie zu vor eine solche Lebenslust empfand!

Sie war richtig aufgeregt und nervös, denn sie wusste: auch ER wird dort sein und wird mit ihr tanzen!!

© Gertraud Tabernig