Gottesdienst im Gefängnis

Wir waren eine kleine Gruppe ziemlich frisch bekehrter Christen, die gerade einen Verein gegründet hatten, um unsere Freude und Begeisterung mittels guter Taten möglichst weit zu verbreiten. Die Anleitung dazu steht in der Bibel. Jesus sagte unter anderem: Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Das sprach uns an. Gemeinsam mit einem Pater, der in der Gefängnisseelsorge tätig war, planten wir einen Besuch in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Wiens, nämlich der Justizanstalt für abnorme Rechtsbrecher. Wenn schon, denn schon.

Wir verstauten Kuchen, Thermoskannen mit Milchkaffee und meine Gitarre im Kofferraum von Veras Auto. Die Zeit bis zum vereinbartenTermin war knapp. Vera kommandierte: „Ich fahre, und ihr betet, damit wir keinen Unfall bauen und keinen Strafzettel bekommen.“ Dann raste sie durch die Straßen Wiens, so manche Vorschrift der Straßenverkehrsordnung missachtend.

Wir wurden durch die Besucherschleuse der Haftanstalt eingelassen. Der Pater war schon lange vor uns da und hatte einigen Männern die Beichte abgenommen. In einem Raum waren im Halbkreis Sessel für etwa fünfzehn Häftlinge aufgestellt. Wir verteilten Liedtexte. Wir sangen und beteten. Ich begleitete auf der Gitarre. Alles in allem ein ganz normaler Gebetskreis. Einige der Männer beteiligten sich mit frei formulierten Gebeten. Ich war überrascht und berührt, wie vertrauensvoll, kindlich, ungeniert und ohne Floskeln diese Männer ihre Gebete sprachen. Wir vergaßen, dass wir uns in einer Haftanstalt für Schwerverbrecher befanden.

Dann deckten wir gemeinsam einen großen Tisch für den gemütlichen Teil. Wir kamen mit den Männern ins Gespräch, sie zeigten Fotos von ihren Familien und schilderten, wie sie ihre Angehörigen vermissten. Nur einer raunte mir giftig zu: „Die kommen ja nur zu euren Gebetsstunden, weil sie dann Kaffee und Kuchen bekommen. Aber du kannst dir ja gar nicht vorstellen, was da sonst alles passiert, in der Küche und so.“ Es war nicht sehr nett, was er uns da im Detail anvertraute.

Die wirklich grimmigen Gesichter waren aber die der Wache habenden Polizisten. Wir ignorierten sie. Elli holte aus dem großen Korb die Thermoskannen und den Kuchen. Sie begann, den Kuchen mit dem großen Brotmesser aufzuschneiden. Sofort stürzte ein Polizist auf sie zu, entwendete ihr das Messer und brüllte: „Ihr seid da nicht in einem Mädchenpensionat! Und das hier ist kein Kindergeburtstag! Hier sind Mörder und Vergewaltiger. Was habt ihr euch bloß dabei gedacht?“

Ja, was hatten wir uns gedacht? Wir waren sehr naiv.

Aber wie war es möglich gewesen, dass Elli mit dem großen Messer die Sicherheitsschleuse passieren konnte?

© Gertraude Vymetal