Meister Pockerl und die Kunst

Da zu wohnen, wo ich in Wien in den 80er Jahren wohnte, hatte neben aller Originalität auch beträchtliche Vorteile. Alles, was ich so zum täglichen Leben brauchte, war sehr nahe: mehrere Greißler, bei denen man im Vorübergehen einkaufen konnte, ein Postamt (es war leider zu Mittag geschlossen), Friseure (brauche ich nicht, ich schneide selbst), Trafiken (brauche ich erst recht nicht), ein Papiergeschäft, zwei Installateure (die waren wichtig anbetrachts des Zustandes unserer Gasheizungen), und: es gibt den Brunnenmarkt, einen der größten Straßenmärkte Europas. Aber davon ein ander Mal. Auch wenn alles, was ich brauchte, sehr nahe lag, trat ich mir die Absätze ab. Und dafür gab es den Schuhmachermeister Pockerl. Er hieß nicht wirklich so, aber er nannte sich so.

Ich kaufte immer schon gerne Schuhe der gehobenen Preisklasse, und wenn Meister Pockerl die Absätze reparierte, sahen sie wieder wie neu aus, und ich hatte meine jeweiligen Lieblingsschuhe viele Jahre lang.

Im Verkaufsraum seiner Werkstatt hingen neben den Regalen mit den reparierten Schuhen Werbeplakate aus den Fünfziger Jahren, zum Beispiel: „Mit dem Chef zum Rendezvous – mit diesem Loch im Schuh?“

Und in der Werkstatt selbst hingen die wertvollen Bilder. Die sah man normalerweise nicht. Denn zwischen Geschäftslokal und Werkstatt war erstens so eine Art Holzgitter wie in einem Beichtstuhl, nur größer, und war zweitens ein großer schwarzer Hund, vor dem ich Respekt hatte. Aber der Meister plauderte gerne, und ich plaudere auch gerne, und eines Tages, ehe ich mich’s versah, war ich in die Werkstatt gebeten worden, um die Bilder an der Wand zu bewundern und die Geschichten ihrer Herkunft anzuhören.

„Und das müssen Sie sich anschauen!“, wies er auf sein offensichtliches Lieblingsbild. „Mhm, eine Radierung“, tat ich meine Sachkenntnis nach fünf Semestern an der Wiener Kunstschule kund.

„Ja, was sagn’s? Hab ich gefunden, war ganz zerknittert und schmutzig, hab ich geglättet und gerahmt, und jetzt hängt’s da. Das ist Kunst, das müssn’s sagn.“

Die Szene auf dem Bild war sauber und detailliert gearbeitet, eine Landschaft mit Knechten und Mägden, Schafen, Kühen etc., gerade noch nicht Kitsch, wenn ich es mit dem Bild der nächtlich tanzenden Nymphen in der Wohnung meiner Nachbarin Frau P. verglich.

Ich glaube, er hatte recht, wenn er es Kunst nannte. Ich suchte nach fachkundiger positiver Kritik, schließlich hatte ich einmal leichtfertigerweise erwähnt, dass ich hobbymäßig malte.

„Na, was malen’S denn? Modern?“ In seinem fragenden Grinsen hatte ich die Worte abstrakt, Picasso, Kleckse, Schmiererei gelesen. „Sie können beruhigt sein“, klärte ich ihn auf, „ich male modern, aber gegenständlich.“

Wer weiß, ob ich andernfalls seine gerahmten Schätze hätte besichtigen dürfen.

© Gertraude Vymetal