Reizüberflutung

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Reizüberflutung | story.one

In einer Ehe gibt es zwei Ebenen. Im Alltag als Zustand des eines Opfers oder Täters und in Momenten der Liebe, Geben und Nehmen.

Die Algarve war das Ziel unserer Hochzeitsreise. Schon ziemlich heiser dort angereist, konnte ich nur mehr meinem Angetrauten durch Gesten mein Entzücken über den Anblick der wunderbaren Steilküste mit ihrer traumhaften Bucht und meinem geliebten Meer sagen, da ich plötzlich die Stimme nun endgültig verloren hatte.

Wir waren ein schönes Paar. Ich mit blonden langen Haaren, er mit dunklen Koteletten, die damals in Mode waren. Den ersten Abend im Restaurant brachte mir der Ober die deutsche Speisekarte und meinem Mann die portugiesische. Ganz irritiert schaute der Herr Ober drein, als mein Begleiter aus der deutschen las, dagegen ich meine Wünsche mit Finger zeigend mitteilte und mein Mann sie für mich aussprach. Angesicht der Tatsache eines noch neu glitzernden Eheringes eine hübsche aber stumme Frau geheiratet zu haben, ließ mich in seinem Gesicht sein Bedauern sehen, als er die gewünschten Speisen notierte.

Den ersten Tag verbrachte ich alleine in der Brandung des Meeres, denn mein Mann las lieber auf unserer Decke in einem Buch. Noch vor unserem Restaurantbesuch bekamen wir von einer Angestellten des Tourismusbüros Besuch. Sie erkannte meine Situation und versprach mir, eine passende Medizin zu bringen.

Leider reagierte ich am nächsten Tag in der Sonne mit einem heftigen Ausschlag. Der zwang mich entweder mich ganz zu verhüllen oder im Appartement zu bleiben. Mein Mann entschied sich mit mir am Zimmer zu bleiben, er könne am Balkon sogar gemütlicher sein Buch weiter lesen.

Mir schien es, dass seine Sehnsucht nach Wasser nicht die meine war. Er hatte auch schon Pläne, wie wir unseren Aufenthalt angesichts meines Zustandes doch sinnvoll nützen können. Die romantischen Nächte bedurften keiner Änderung. Übermorgen werden wir mit dem Zug nach Lissabon fahren, dort werden wir so lange bleiben wie es uns gefällt. Nach Erholtagen wieder am Meer durch die Landschaft Andalusiens fahren, für ein paar Tage nach Sevilla nahe der berühmten Kathedrale übernachten, abends die Flamencoshow mit Essen buchen, war sein Vorschlag. Es war sehr anstrengend für mich.

Zurückgekehrt, die Meeresluft und Freiheit der Natur wieder zu atmen, mein „wasserscheuer“ auf der Decke lesender Ehemann, brachten die Alltagsebene wieder ins Gleichgewicht!

© Gertrud Scherz 26.02.2020