Stiegen

  • 116
Stiegen | story.one

Hoch sind die steinernen Stufen, sich hinauflehnend aus dem Toscaninihof, so hoch, dass ich auf einmal gar nicht mehr nach oben möchte. Und nass sind sie, ein wenig glitschig. Und muffig schiebt sich moosiger Nebel vor mein Gesicht. Der wohnt im Verließ in der Kurve, die vom Geradeaufsteigen nach links weiterführt.

Ich keuche, von der großen, warmen Arbeitshand meiner Mutter hinaufgezogen, langgezogen, dem ruhigen Atem der Ebene entzogen.

Dann kommt die letzte Stufe doch der Mühe ist kein Ende, denn der asphaltierte Weiterweg bleibt so steil wie sich kein Salzburger vorstellt, dass es anders sein könnte oder gar sollte, auf diesem Mönchsberg da und jenem Kapuzinerberg dort.

Bis zur Richterhöhe keuche ich weiter. Endlich senkt sich die Amplitude meines Atemausschlags auf sowas wie Ebene. Wir lassen uns auf der Bank schräg gegenüber dem Pfadfinderheim nieder, als das ich glaube, den alten steinernen Wehrturm zu kennen, der mich aber eigentlich stört. Er durchbricht mir den Weitwinkel über die südlichen Stadtteile, den Untersberg, den Hohen Göll, das Tennengebirge und alles was sonst noch erschreckend uneben ist.

Stundenlang möchte ich hier so sitzen, aber allein, sitzen und schon schreiben können, daher also beschreiben dürfen dieses Landschaftsbild vor, unter, weit von mir.

Ich weiß aber, dass es weitergehen wird, ich noch lange wandern muss über diesen konglomeratwarzigen Buchenwaldrücken bis nach Mülln, wo eine weitere Stiege auf mich wartet, wieder mit nicht kindgerecht hohen Stufen aber in meiner, unserer, Richtung wenigstens bergab. Dankbar für die Mutterhand, werde ich Schritt für Schritt hinunterplumpsen bis zur immer lauter nach oben rauschenden Müllner Hauptstraße. Noch dankbarer werde ich für die große Hand sein, wenn sie mich sicher über diese Straße führen wird bis zur nächsten Stiege, an dem kleinen Kaffeehaus zwischen Straße und Franz-Josefskai vorbei zum Müllnersteg, über diesen hinweg und durch die Gehmachergasse hinaus zur Schwarzstraße, endlich nach rechts und gleich bin ich, sind wir daheim. Die letzte Stiege dann dreht sich in ausschweifender Rundung durch die damals hellgraue Ceconivilla in deren ersten Stock. Hier wachse ich auf, hier werde ich irgendwann erwachsen, der vielen Stiegen vorerst nicht mehr achtend bis sie irgendwann wieder an Höhe gewinnen, am Ende unüberwindlich werden und keine Mutterhand mehr da.

Dann könnte es Zeit geworden sein.

© Gertrude Friese 24.11.2019