Verwirrung

Der dünne Bretterboden des schmalen Balkons unter dem Satteldach knarrt, als der im Alter schwer gewordene Opi zu Maria heraustritt. Angeschraubt an den einfachen Tisch unter der Dachschräge ein Laubsägebrettchen, daneben die Laubsäge, mehrere kleine Sperrholzplatten und Buchstabenschablonen.

Maria schaut zu wie Opi mit einem seiner schon sehr kurzen aber exakt gespitzten Bleistifte die Buchstabenformen präzise auf die Sperrholzplatten überträgt. Später wird er seiner Enkelin zunächst die Hand führen um sie das genaue Aussägen zu lehren. Begeistert wird sie dann ihre ersten Werkstücke betrachten und Opi wird sie loben, denn sie werden gut genug geraten sein für den Verkauf.

Die Buchstaben, die der gelernte Schaufensterdekorateur, durch schwere Zeiten aus dem angestammten, kunstnahen Beruf geworfen, in unterwertiger Heimarbeit herstellt, werden von neuen oder wiedererstarkten Kaufleuten in der Stadt für einen Pappenstiel angekauft und zu Reklameschriften zusammengestellt.

Für eine andere Arbeit um sich über Wasser zu halten, ist der Opi damals schon zu alt und auch nicht mehr gesund genug.

Maria ist selig, etwas Handwerkliches lernen zu dürfen. Sie hat Opis Laubsägewerkzeug geerbt und hält es bis heute in Ehren.

Noch etwas aber besitzt sie mittlerweile, nämlich Wissen über jene Zeiten, die ihn aus der Bahn geworfen haben. Zunächst hatte sein Laden in Salzburgs Altstadt floriert, dann war die Wirtschaftskrise gekommen, dann Opis Jahre der Illegalität als frühes Mitglied der NSDAP mit erzwungener Übersiedlung der Familie nach München, wo er Büroarbeit in der Verwaltung des so genannt Tausendjährigen Reiches fand. Der Krieg mit den Bombenangriffen auf die "Hauptstadt der Bewegung" scheuchte seine Familie zurück nach Salzburg. Er selbst kehrte erst heim nachdem er ausgebombt war. Es folgten die ersten Jahre nach dem Krieg mit der Entnazifizierung auch seiner Person als minderbelastet.

Irgendwann nach Jahren in Armut wurde die Errichtung eines kleinen Zweifamilienhauses gemeinsam mit Bekannten in E. möglich, jenes Hauses, auf dessen Balkon Maria das Laubsägen erlernte.

Nur an das Häuschen, die Laubsägearbeiten, gemeinsame Waldwanderungen mit Omi und Opi und deren traurigem Verlust, der ersten Verluste ihres Lebens, erinnerte sich Maria bis ins Erwachsenenalter.

Spät erst erfuhr sie von all dem anderen, das die tiefe Zuneigung zu den beiden sie fühlbar liebenden Menschen wohl verwirren aber am Ende nicht ernsthaft erschüttern konnte.

Heute fragen sich viele spät und in eine scheinbar völlig andere Welt Geborene, wie man denn einen Nazi lieben könne. Maria liebte aber und betrauert immer noch ihren Opi, nicht den Mann, der vor fast einem Jahrhundert zum Nazi geworden war. Letzterer wird ihr immer fremd bleiben.

© Gertrude Friese