Bauchschmerzen in Brignoles

Ihre bestürzte Mine werde ich nie vergessen, als wir ihr verweigerten die beiden schweren Koffer bei uns im Krankenwagen unterzubringen.

Ich war 15 und besuchte seit langer Zeit wieder meine Tante und meine Oma in Frankreich. Zum ersten Mal alleine mit einer Freundin in den Flieger zu steigen, war ein tolles Gefühl. Freiheit, Sonne und Ferien schienen eine perfekte Kombination, die eine schöne Zeit versprachen.

Wir genossen den sommerlichen Duft und das kühle Pool im großen, uneingezäunten Garten, der unendlich schien. Die Hühner gackerten, auf der Suche nach Essbarem und ihr Hahn bewachte sie stets mit aufmerksamen Blick. Eine französische Idylle, wie man sie aus Filmen kennt. Eines Nachts war es dann vorbei.

Ich wachte schweißgebadet auf und spüre heute noch, wie es mir den Magen zusammenzog und höllische Bauchschmerzen meinem Kreislauf zu schaffen machten. Es galt keine Zeit zu verlieren, ich übergab mich über dem WC Rand und versuchte dann geschwächt den Weg durch das fremde Haus zurück zum Schlafzimmer zu finden. Endlich angekommen lag meine Freundin von tiefem Schlaf gesegnet da und hatte bis jetzt nichts mitbekommen. Ich rang um Luft und versuchte ihren Namen zu rufen, doch es kamen nur krächzende Laute aus meinem Hals, ehe alles schwarz wurde.

Meine Oma brachte mir am nächsten Morgen Tee und lauschte desinteressiert meinen Schilderungen von letzter Nacht, sie meinte nur: „Sei nicht so wehleidig!“. Meine Tante dagegen eher besorgt, schlug vor einen Arzt aufzusuchen. Erst zwei weitere Tage später, als ich von ständigen Bauchschmerzen geplagt, kaum noch etwas essen konnte, brachte mich meine Tante ins Krankenhaus. Es wurde eine Not-OP für den nächsten Morgen anberaumt, mein Blinddarm war kurz vorm Durchbruch. Alleine, mit minimalen französisch Kenntnissen im Spital in Brignoles. – Mein Urlaub war definitiv vorbei, die Ärzte meinen, ich hätte einen Schutzengel gehabt, wäre ich wie geplant in den Flieger nach Hause gestiegen, hätte ich diese Geschichte nicht mehr niederschreiben können.

Meine Mutter kam nach Brignoles und besuchte mich jeden Tag gemeinsam mit meiner Tante. Fliegen war nach der OP keine Option mehr, also holte uns ein Krankenwagen vom Haus meiner Tante ab. Meine Oma verhielt sich still im Hintergrund, nahm den Dank meiner Mutter für ihre Fürsorge schweigend an. Ich saß im Krankenwagen, bereit zur Abfahrt. Da kam meine Oma mit zwei schweren Koffern herbeigeeilt. „Einen Krankenwagen kontrolliert bestimmt niemand, die passen doch sicher noch hinein“, rief sie und wollte die bis zum Rand mit Lippenstiften und Nagellacken gefüllten Koffer hineinhieven, was meine Mutter freundlich aber bestimmt aufhielt.

Als wir losfuhren wurde sie mit jedem Meter Entfernung kleiner, bis ich ihr verärgertes, unverständliches Gesicht nicht mehr erkennen konnte. Verabschiedet hat sich Oma nicht.

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