Ganz unerwartet

Mein Leben in Irland gefiel mir noch immer recht gut und ich spielte gar nicht mit dem Gedanken irgendetwas daran zu ändern. Auch die eine oder andere Liebschaft hatte ich schon hinter mich gebracht und war zur gegebenen Zeit glücklicher Single.

In der Arbeit lief alles glatt bis ich an einem Weiterbildungskurs teilnahm. Da gab es so einen Moment, in dem für mich die Zeit still stand und ich mich tatsächlich fragte:"Was mach ich bloß noch hier?" Die nächsten Tage beschäftigte mich dieser Gedanke und ließ mich einfach nicht mehr los.

Plötzlich wusste ich es, ich hatte eine gute Stange Geld gespart, also würde ich auf Weltreise gehen. Meine Familie in Österreich wurde eingeweiht und jeder der mir zu einem Anlass etwas schenken wollte, kaufte mir einen Reiseführer. Ich war so aufgeregt und überlegte wo ich denn am besten mit meiner Reise beginnen sollte. Nun wurde mir mit einem Schlag bewusst, dass ich zuerst Europa entdecken wollte, vor allem die nordischen Länder. Ich war nicht unbedingt der Insel, Strand und Meer Typ.

Natürlich musste ich die 2 verpflichteten Jahre im Call Center noch herunter biegen, somit hatte ich noch genügend Zeit alles zu planen. Im November erwischte mich dann eine heftige Grippe, ich befand mich mehr im Jenseits als herüben.

Vom Krankenstand retour telefonierte ich alle Kundenanfragen ab um sicher zustellen, dass niemand vergessen wurde. Eine freundliche Männerstimme bedankte sich für meine Sorgfälltigkeit und erklärte mir er hätte bereits alles von meiner Kollegin erhalten.

Doch später hatte ich tatsächlich eine Email vom besagten Herrn erhalten, mit einer Einladung auf ein Pint Guinness.

Wir bekamen immer wieder irgendwelche Einladungen von diversen Kunden, manche waren auch gleich sehr direkt. Doch bei diesem war etwas anders. Er war äußerst höflich und schickte auch ein Vorgänger Emoji *g* mit.

Es dauerte nicht lange und wir telefonierten immer wieder mal mit einander und ein reger Email Verkehr entfachte.

Als ich ihm steckte, dass ich zu Weihnachten auf einen Kurzurlaub in die Heimat kommen würde war er gleich Feuer und Flamme. Bei mir knisterte es vielleicht ein wenig, denn ich hatte ja große Pläne, meine Weltreise im März 2003 anzugehen.

Weihnachten verbrachte ich im Kreise meiner Familie und am 28.12.02 läutete es an der Tür. Mein Vater öffnete diese und blickte einem Mann, mit einem Grinser von einem bis zum anderen Ohr, ins Gesicht.

Als ich dazu kam wurde ich sogleich überrumpelt, denn er drückte mir in seinem unbeherrschten Eifer einen dicken Schmatzer auf meinen Mund und überreichte mir eine Rose.

Ich war paff, mit dieser geradlinigen Art hatte ich nicht gerechnet.

Meine Eltern waren schon in Aufbruchstimmung, denn sie flogen mit meinem kleinen Bruder nach Ägypten. Somit war ich dann mit ihm alleine.

Wir gingen dann bei uns in den verschneiten Straßen Hand in Hand spazieren.

Am 30.12.02 flog ich wieder in mein derzeitiges zu Hause Dublin. Beim Abschied hatten wir beide Tränen in den Augen.

© Giggi