Oberfläche

Es ist finster und das Wasser umschließt meinen ganzen Körper. Ich spüre das Päckchen meiner Kindheit auf meinem Rücken, es zieht mich hinunter in die Meerestiefe. Ich möchte es so gerne abstreifen, doch es hat sich festgesaugt, wie ein Oktopus mit seinen Fangarmen. Nochmals versuche ich es loszuwerden, erst als ich einen Glaubenssatz zurücklasse in den Tiefen, löst sich langsam die Umklammerung. Der Rucksack, den ich all die vielen Jahre für mich und andere getragen habe, sinkt in die Tiefen bis auf den Meeresgrund. Jetzt bekomme ich Auftrieb. Ich spüre wie meine Lunge sich nach Sauerstoff sehnt.

Ein paar Luftbläschen sind noch ober mir, gleich habe ich es geschafft. Ich durchbreche die Wasseroberfläche und meine Lungen füllen sich mit frischer Luft.

Plötzlich ein Fangarm, er zieht mich wieder nach unten. Ich möchte nicht. Ich war ja erst für einen Moment an der Oberfläche. Mit all meiner Kraft setze ich mich zur Wehr. Es hilft nichts, ich habe keine Ressourcen übrig. Ich verliere den Kampf und wieder befinde ich mich in der tiefschwarzen See. Panik steigt in mir auf. Nein, ich möchte nicht schon wieder versinken. Ich fühle wie ein Schaudern durch meinen Körper fährt. Welcher Glaubensatz lässt mich nun fast ertrinken? Ich schnappe nach Luft, doch nur Wasser füllt meine Lungen. Kann ich loslassen? Ich möchte so gerne.

Bin ich dann noch ich, wenn ich loslasse? Ich spüre eine Gänsehaut, sie umschließt meinen ganzen Körper, mein Verstand friert. Ich habe Angst.

Ein kleines Fischchen gesellt sich zu mir. Es ist wunderschön. Plötzlich spüre ich Zuversicht. Ich bin nicht alleine. Ich lasse los. Auftrieb. Die Oberfläche, ich kann sie sehen, ich strecke meine Arme nach oben. Meine Fingerspitzen durchbrechen sie, die Luft fühlt sich schön an, gleich kann ich wieder atmen.

Doch dann, meine Beine sind wie Blei. Sie ziehen mich abermals in die dunkelste Nacht des Meeres. Meine Lunge zieht sich zusammen, ich spüre mich fast nicht mehr. Wo ist das Fischlein von vorher nur hin? Komm zurück. Bitte!!!

Plötzlich sind zwei schimmernde Fischlein da. Mit aller Kraft versuchen sie mich mit ihren winzigen Flossen nach oben zu stossen.

Wieder fällt ein Glaubenssatz meiner Vergangenheit. Ich fühle mich leichter und ich stelle fest, dass ich jetzt mehr ich bin als zuvor.

Die Oberfläche ich kann sie schon wieder sehen. Das Licht der Welt schimmert hindurch. Oh wie schön. Die Fischlein sind noch immer an meiner Seite. Ich durchbreche die Oberfläche und abermals füllen sich meine Lungen mit der Lebensluft. Sie strömt durch meinen ganzen Körper. Ich fühle wie Kraft und Stärke in mir wächst.

Angst nochmals in die Tiefe gezogen zu werden? Nein, die verspüre ich nicht, obwohl ich weiß es werden noch einige Male folgen.

Die bunten, quirligen Fischlein haben mir Vertrauen geschenkt. Sie glauben an mich und jetzt kann ich auch an mich glauben.

© Giggi