Prominente Reisebegleitung?

Eine Fahrkarte bitte von Wien nach Frauental, doch noch bevor der Schaffner seine Tasche öffnete, erinnerte ich mich, dass ich in letzter Sekunde mir ja selbst noch eine am Schalter gelöst hatte. Ich zog sie aus meiner Geldbörse und reichte sie dem Schaffner. Argwöhnisch beäugte er sie, drehte sie von vorne nach hinten, zückte sein Telefon und in etwas abgewandter Haltung rief er offensichtlich eine Kontrollstelle an, ob mit meiner Fahrkarte eh alles seine Richtigkeit hat. Ist ja auch wirklich zu blöd von mir, wie konnte ich nur vergessen, dass ich mir im Zug keine mehr zu lösen brauchte.

Die Hektik, in der ich mich eine Stunde vor Abfahrt des Zuges noch befand und der ganze Trubel, alles noch erledigen zu müssen, was es zu erledigen gab, ließ mich die Möglichkeit in Erwägung ziehen, wenn es sich zeitlich nicht mehr ausgehen sollte, die Fahrkarte dann eben erst im Zug zu lösen. Aber was war nur mit mir los, dass ich dann für einen Moment vergaß, dass es doch noch mit dem Schalter klappte?

Mir gegenüber saß ein Herr den ich kannte, oder zumindest annahm ihn zu kennen, nicht persönlich, sondern aus dem Fernsehen. Oder sah er ihm nur so frappierend ähnlich?

Als der Schaffner mit einer eigentümlichen Miene mir die Fahrkarte mit einem zerdrückten Danke zurück reichte, aber kopfschüttelnd weiter ging, da strahlte mich mein Gegenüber mit einen breiten Lächeln an. Genau dieses Lächeln, welches eine Reihe blitzend weißer Zähne preis gab, ist es, was mich diesen Mann den ich zu kennen glaubte, an jenen Politiker erinnert, der in unserem Land über Recht und Gerechtigkeit zu entscheiden hat.

Wie selbstverständlich sprach er mich an und meinte; so kann es einem ergehen, wenn man gleichzeitig zu vieles im Kopf hat. Die gemeinsame Zeit dieser Zugfahrt verflog wie im Nu, wir unterhielten uns in einer eigenartigen Vertrautheit, so als kannten wir uns schon ewig. Irgendetwas zog uns magnetisch an, beide spürten wir es, sprachen aber nicht darüber.

Beinahe hätte ich die Ansage überhört, es war Zeit für mich auszusteigen. Ich hatte nicht weit zu gehen vom Bahnhof zu meinem Elternhaus. Es war schon dämmrig, nur wenige Leute standen am Bahnsteig und warteten auf den nächsten Zug.

Ich bemerkte nicht, dass auch er ausgestiegen war. Abseits der wartenden Fahrgäste stand er da in der zunehmenden Dämmerung, breitschultrig in einen dunklen Wintermantel gehüllt.

Wir standen uns reglos gegenüber, die Distanz eines Waggons zwischen uns. Wortlos setzten wir uns in Bewegung. Ich gab die Richtung vor, in diskretem Abstand folgte er mir, bis zu meinem Elternhaus.

Meine Schwester telefonierte gerade in der Garage im Parterre. Ohne sie zu unterbrechen legte ich meine Tasche und mein Gepäck dort ab und trat wieder hinaus in die Dunkelheit.

Es war das stellenweise Glatteis, welches mich aus meinem Traum wachrüttelte, als ich hinaus trat!

Mein Blick suchte ihn und fand ihn, in langsamen Schritte, sich die Straße entlang entfernend.

Wir waren beide gebunden!

© Gigi