Herrin der Steinpilze

Mir ist gelungen was angeblich unmöglich ist. Ich züchte Steinpilze. Wie es geht, will ich gerne verraten. Konkurrenz fürchte ich nicht weil die Zucht dieser edlen Pilze zeitintensiv ist. Vom ersten Versuch bis zur ersten Ernte vergingen siebzehn Jahre. Kommerziell gesehen, rentiert sich die Zucht schon deshalb nicht. Auch die Ausbeute war immer bescheiden. Aber wir haben die köstlichsten Pilze gegessen. Wurmfrei und knackig in Hut und Stiel.

Der Steinpilz lebt unterirdisch. Er ist ein verzweigtes Geflecht das oft mehrere hundert Quadratmeter Erdboden unterwuchert. Die Pilze, die wir essen, sind seine Blüten.

Er braucht die richtige Umgebung, damit er sich wohl fühlt. Er braucht Feuchtigkeit, eine angenehme Temperatur und das richtige Licht. Bei Vollmond, nach einem satten Regen, schenkt er uns die schönsten Blüten. Er ist ein soziales Wesen das in Symbiose mit den Wurzeln von Bäumen lebt. Wird ein Wald durchforstet, so wirkt dies auf den Pilz lebensbedrohend. Wenn die Wurzeln der Bäume weit über den Waldrand hinaus reichen, dann kommen die Steinpilze auch im Zwischenreich zwischen Wald und Wiese vor.

Ein Pilz ist weder Pflanze, noch ist er Tier, er ist ein hochsensibles Wesen aus einer anderen Welt. Er nimmt, je nach Pilzart unterschiedlich, auch Mineralien aus seiner Umgebung auf. Früher, als das Benzin noch verbleit war, durfte man keine Pilze essen, die in der Nähe von Strassen wuchsen. Nach der Katastrophe von Tschernobyl tankten die Maronen am meisten Caesium.

Kein Steinpilz gleicht dem anderen. Der eine ist heller, der andere dunkler, der eine ist flacher, der andere runder. Erst kürzlich habe ich das Wachstum der Steinpilze gemessen. Ich wollte wissen, ob es Sinn macht, einen kleinen Steinpilz im Boden zu lassen und die Ernte abzuwarten bis er größer ist. Es war spannend. Denn tatsächlich war es so, dass der eine klein blieb und nur in die Breite wuchs, während der andere in nur einem Tag in die Höhe schoss. Solche Individualität kommt bei den Blüten der Pflanzen nicht vor.

Mein Steinpilzgarten in 978 m Seehöhe ist ein Stück Land, das von einem alten Blockhaus, mehreren Blaufichten und Zirben beschattet ist. Der Boden dort ist moosig. Vor dreißig Jahren habe ich damit begonnen, jedes Mal, wenn ich aus dem Wald Steinpilze nachhause brachte, diese zu putzen und den Abfall auf dieselbe Stelle zu streuen. Bis nach siebzehn Jahren die erste Blüte ihr Köpfchen aus dem Moos streckte. Von Jahr zu Jahr wurden es mehr, seit fünf Jahren immer weniger. Im letzten Sommer gab es keine Ernte. Vielleicht ist es der Klimawandel der dem Pilz zusetzt. Oder es ist einfach das Alter.

© Gimpel