Hochwürden war´s

Ich war ein Einzelkind, meine Eltern waren berufstätig und so kam es, dass sich mein Großvater um mich kümmerte. Wir lebten in einem großen Haus, der Großvater hatte sein eigenes Reich: ein Wohnschlafzimmer mit Waschbecken, einem Tisch zum Kartenspielen und einem Schreibtisch. Darauf stand das Foto meiner schönen Großmutter die ich nur aus Erzählungen kannte.

Wir brauchten nur eine Viertel Stunde zu Fuß zu gehen, und schon waren wir draußen, aus der kleinen Stadt. Kaum dass ich laufen konnte, nahm mich der Großvater auf seinen täglichen Spaziergang mit. In der Natur kannte er sich aus. Ihn interessierte jeder Grashalm, jede Knospe. Wir pflückten Blumen und betrachteten sie mit der Lupe. Wir waren ein verschworenes Paar.

Mit einem Schmetterlingsnetz bewaffnet sprangen wir durch die Wiesen. Wir fingen die Falter ein und ermordeten sie ohne Skrupel mit einer Stecknadel mit der wir sie auf ein Brett spießten.

Mein Großvater war ein Pflanzenjäger und auch ein richtiger Jäger. Er nahm mich auf die Auerhahnbalz mit. Im Morgengrauen wanderten wir in den Lärchenwald, spitzten die Ohren, folgten dem typischen Rufen, dem Schnalzen und Trillern. Mucksmäuschenstill und im Zeitlupentempo pirschten wir uns an. Wir sahen dem verliebten Gockel auf seinem Ast zu bis er abrauschte. In meiner Gegenwart hat der Großvater nie ein Tier geschossen.

Die Singvögel erkannte er am Gesang. Ich hatte schon früh mein eigenes Fernglas. Am liebsten beobachteten wir im Winter die lustigen Gimpel auf den, mit Raureif überzogenen Sträuchern, wie sie die Beeren von den Ästen pickten und ihre dicken, roten Bäuche noch mehr aufplusterten. Und wenn der Großvater auch nicht sonderlich gut zeichnen konnte, für Gimpel reichte es allemal. In meiner Erinnerung hat er für mich tausend Gimpel gezeichnet. Als ich für story.one zu schreiben begann, suchte ich nach einem Pseudonym. „Gimpel“ ist mir sofort eingefallen.

Der Gimpel hat noch einen Namen: „Dompfaff“.

Meine Großmutter war fünfzehn, als sie heirateten. Im Kirchenchor waren sie einander näher gekommen. Sie war die glockenhelle Solostimme, er der zweite Bass. Das Kind kam sechs Monate nach der Hochzeit. So früh? Galt dies im austrofaschistischen Katholikenstaat nicht als Schande? Er meinte, er könne Geheimnisse behalten.

Wenn ich ihn fragte, warum er nie in die Kirche ging, antwortete er nur, dass einmal Kirchensingen dreimal Kirchgehen bedeute und er deshalb noch ein Guthaben hätte. Das war eine Ausrede. Er hatte eine Aversion gegen die geistlichen Herrn die er immer nur als Pfaffen bezeichnete. Er sagte, wenn ich dem lieben Gott begegnen möchte, dann gehe ich hinaus in die Natur und rede selber mit ihm. Dazu brauche ich kein Pfaffenkappl.

Er erreichte ein biblisches Alter und starb knapp vor seinem hundertsten Geburtstag. Erst nach seinem Tod erfuhr ich, dass er gar nicht mein leiblicher Großvater war. Hochwürden war´s. Der lebte, als ich es erfuhr, schon lange nicht mehr.

© Gimpel