Vegan oder Lamm

„Sind Sie Vegetarierin“ fragte der Verkäufer die alte Dame die vor der Theke stand. „Nein“ antwortete sie „ich bin katholisch.“ Wir waren in der Fleisch- und Wurstabteilung eines Supermarktes. Die Dame vor mir war klein und hager, ein Mäuslein mit lustigen, weißen Dauerwellen vom Frisör. Hinter Glas lagen Extrawürste, Pasteten, Schnitzel und Faschiertes. Der freundliche Verkäufer hinter der Theke stammte seinem Äußeren nach, aus einem südlichen Land in dem man gerne Hammel am Spieß dreht.

Was hatte die Dame mit ihrer Antwort wohl gemeint? Ich frage mich, ob sie nicht eine von den rar gewordenen Katholikinnen war, die sich an die Fastenvorschriften dieser Religion halten. Weder am Freitag noch in der Fastenzeit darf ein guter Katholik Fleisch essen. Vielleicht war ja Freitag.

Zu den religiösen Speisengeboten und Verboten in unserer Multi- Religionsgesellschaft kommen heute wegen der Massentierhaltung, den Treibhausgasen und den Unverträglichkeiten noch andere Vorschriften hinzu. Vorschriften sind Zwänge, ich habe sie nie gemocht. Vielleicht auch, weil meine Mutter von Beruf Diätköchin war und uns, bei jeder nur erdenklichen Erkrankung, eine spezielle und meist wirkungslose Diät verordnete.

Als mein Sohn seine Ex-Verlobte kennen lernte war sie Vegetarierin. Ich habe sie irgendwie verstanden, war sie doch die Tochter eines Fleischhauers. Nach einigen Jahren aber wurde sie vegan. Das fand ich nicht mehr lustig. Auf der Alm, wo wir die Sommer verbringen, und wo vor dem Küchenfenster die glücklichen Kühe grasen, trank sie Sojamilch. Sie tat keinen Honig aufs Brot, da die Bienen den Honig nicht für die Menschen produzieren. Sie aß keine Eier, wegen der armen Hühner. Über diese Vögel, die der Mensch angeblich zum Eierlegen zwingt hielt sie mir einen Vortrag. Ich nahm sie zu unserem Bauern und Eierlieferanten mit. Auf seinem Hof kräht der Hahn noch am Mist und der Hühner-Harem läuft frei herum. Wenn man einen Donnerhall hörte, was manchmal vorkam, dann hatte der Bauer auf den Habicht geschossen.

Man muss nicht alles übertreiben. Ich esse fast alles, außer Lamm. Und das kam so: Draußen am Land lebte in unserer Nähe eine alte Frau ganz allein. Sie hielt ein paar Schafe. Als sie ins Altersheim gehen musste, schenkte sie mir zum Abschied ein Lämmchen. Das war mutterlos und sie trug mir auf, es mit dem Fläschchen groß zu ziehen. Danach könne ich es essen.

Als sie mir das Wollknäuel in den Arm legte, durchströmten mich tatsächlich Muttergefühle. Wie warm es war, wie es sich an mich drückte, wie gut es duftete. Es hieß John, in memoriam John Lennon, der die Lämmer liebte. Es lief mir überall hin nach. Ich nahm es ins Bett mit. Dort hinterließ es viele Spuren, weil die Milch ja hinten heraus kommt. Ich fand für das Kleine bei einem Schafbauern einen guten Platz.

Lammfleisch esse ich seither keines.

Hoffentlich schenkt mir niemand ein Kalb zum Großziehen. Denn auf den sonntäglichen Kalbsbraten würde ich ungern verzichten.

© Gimpel