Weniger ist mehr

"Der Konsum muss angekurbelt werden" sprach keine Geringere als die Vorsitzende der Sozialdemokraten. Ich hatte mich nicht verhört. Mir geht es nämlich erst richtig gut, seit ich meinen Konsum reduziere. Ballast abzuwerfen ist ein befreiendes Gefühl. Ich lebe am Land.

Ich habe jetzt mehr Zeit. Ich habe mehr Platz. Ich brauche weniger Geld. Ich gestalte meinen Tag sinnvoll. Statt mich im Supermarkt über die einzeln in Plastik verpackten Früchte aus Kühlkellern oder aus fernen Ländern zu ärgern, gehe ich in meinen eigenen Keller und hole mir aus dem großen Glas eine Handvoll Sauerkraut. Sie deckt den Tagesbedarf an Vitaminen vollkommen. Und weil ich gerne Äpfel esse, nehme ich die aus der luftigen Apfelstellage, mein Großvater hat sie gebaut. Die Äpfel kaufte ich im Herbst bei den Bauern. Sollte ein fauler Apfel sichtbar sein, wird er aussortiert. Dass die Äpfel jetzt im April naturgemäß schon etwas schrumpelig sind, macht mir nichts aus.

Im Keller habe ich noch Karotten im Sandbeet stecken. Sie treiben jetzt aus und man kann sie mitsamt den Trieben essen. Die Kartoffeln lagern trocken und dunkel. Sie verlieren an Gewicht und werden von Tag zu Tag süßer. Ihre Zeit ist bald um aber ein paar Wochen halten sie noch. Die Zwiebel hängen in Zöpfen vom Gebälk am Dachboden. Im Laufe des Winters sind die Zöpfe löchrig geworden. Macht nichts. Im Wald gibt es Bärlauch.

In alten Zeiten, in denen man ausschließlich Selbstversorger war, galt das Frühjahr als Saure Gurken Zeit. Die Lagerbestände waren ziemlich reduziert, und was Frisches wuchs noch nicht im Garten.

Dafür gab und gibt es um Ostern viele Eier mit knallgelben Dottern. Dem Cholesterinhaushalt schaden sie nicht, wie man weiß. Im Wald gibt es an Quellen und an Bachrändern Brunnenkresse. Sie schmeckt wunderbar mit Kartoffeln und Eiern gemischt. Sie enthält Kieselsäure, gut für Haare und Nägel. Auf der Wiese wächst Löwenzahn, den ich steche. Ich brauche keinen Salat aus dem Glashaus. Risotto mit frischen Brennnesseln ist mein Leibgericht.

Ich bin kein Selbstversorger. Der Konsumverzicht, den ich mir bewusst leiste, ist eine Art Spiel. "Weniger ist mehr" ist ein Lifestyle. Sein Erfinder, Henry David Thoreau (19.Jh) lebte nur unter der Woche in seiner Waldhütte am See, spartanisch. Am Samstag speiste er in der nahen Stadt bei seiner Schwester und ich nehme an, er hat ihr auch die schmutzigen Unterhosen zum Waschen mitgebracht.

Als Single ist das Verzichten einfach. Extreme Verzichter wie der Weltenwanderer, sind Einzelgänger. Eine Familie mit Kindern tut sich mit dem Verzichten schwer. Eigenheimbesitzer sind Konsumopfer.

„Keeping up with the Jones“, haben müssen was der Nachbar hat ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wenn sich einer in der Siedlung einen Laubsauger anschafft, haben ihn bald alle. Da werden dann die Blätter hin und her geblasen, völlig sinnlos. Wer noch mit dem Besen kehrt, ist out, aber klug. Wer auf ein kräftiges Frühlingslüftchen wartet, ist weise.

© Gimpel