Der Terminkalender

Die Gedanken schwirren im Raum, lautlos, unsichtbar und doch gegenwärtig. An Schlaf ist nicht zu denken und kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn.

Immer dieser Druck von außen, immer dieser Stress und der unüberschaubare, volle Terminkalender, mit Bleistift, mit Kugelscheiber und mit Füllhalter dicht bekritzelt und natürlich sind die Einträge farblich, nach Dringlichkeit gereiht. Die Buchstaben und die Zahlen tanzen an meinem geistigen Auge vorbei, vermischen sich und laufen in einem schwarzen Rinnsal aus dem Kalender. Sie bilden auf dem Boden eine kleine Pfütze. Schemenhafte Hände greifen nach mir, wollen mich festhalten. Ich schrecke hoch, wieder diese blöde Alptraum, zum wievielten mal schon?

Ein Schweißtropfen läuft mir ins Auge und brennt, ich wische ihn mit dem Handrücken weg, drehe mich auf die andere Seite und versuche, etwas Schlaf zu finden. WAS MACHE ICH FALSCH?

Ich gehe in Gedanken die Termine der nächsten Woche durch, ich kenne sie schon auswendig und - ich muss sogar etwas lächeln dabei. "Pensionisten haben es immer eilig, die haben nie Zeit" dieser Satz geht mir durch den Sinn. Früher habe ich darüber gelacht, doch heute ist mir das Lachen gründlich vergangen. Habe ich mir die Pension SO vorgestellt? Nein natürlich nicht.

Die Turmuhr schägt zwei. Neben mir schnarcht mein Mann. Ich stehe leise auf, schleiche mich aus dem Schlafzimmer, ich komme mir dabei wie ein Verbrecher vor, der etwas verbotenes macht. Dieser Gedanke schießt mir durch den Kopf, doch ich habe nichts verbrochen. Blos, meine Zeit kommt mir abhanden, oder rinnt sie mir durch die Finger?

Jetzt stehe ich vor meinem Terminkalender, es ist Sonntagnacht. Ich nehme ihn in die Hand und blättere um. Wieder sind alle Tage mit Terminen vollgestopft. Leise öffne ich das Fenster und werfe den Kalender in die finstere Nacht hinaus.

Jetzt habe ich keine Termine mehr, super.

© Gina