Der Tod gehört zum Leben

Erinnerungen an die letzten Minuten meiner Oma

Gänsehaut kriecht mir über den Rücken, der Geruch nach Desinfektionsmittel steigt mir in die Nase. Meine Füße sind schwer wie Blei, nur mühsam setze ich einen Fuß vor den Anderen, endlos ist der Gang. Endlich erreiche ich die Tür mit der Aufschrift 413, langsam drücke ich die Türklinke nach unten und öffne leise die Tür. Die Fenster sind verdunkelt, die Maschinen surren und ich habe einen Knödel im Hals stecken. Ich schleiche mich an, meinen Blick immer auf das bleiche Antlitz meiner Großmutter gerichtet. Die Hände liegen auf der Bettdecke, die sich nur ganz leicht hebt und senkt, die Finger sind etwas angewinkelt und zucken manchmal kurz. Ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen und dann langsam über die Wangen laufen. Eine ganze Weile stehe ich vor dem Bett und blicke abwechselnd auf den blinkenden Apparat und auf Oma. Ich stelle einen Stuhl neben das Bett, lasse mich geräuschlos nieder und lege meine Hand auf ihrem Arm. Sachte streichle ich über ihren Handrücken.

Meine Gedanken reisen in die Vergangenheit, als Oma noch den Garten bestellte, die Erdbeeren bewachte, damit wir keine grünen Früchte in den Mund stopften. Ich musste lächeln, ja damals war die Welt noch in Ordnung. Heute greift der Tod nach Großmutters Hand, der Arzt sagte, dass sie die Nacht nicht überleben wird.

Ich drücke Omas Hand, ich will sie noch nicht gehen lassen, doch habe ich das Recht dazu?

Oma schlägt die Augen auf, ihr müder Blick geht mir durch Mark und Bein, doch sie lächelt mich an und flüstert „ich gehe nun heim, sei nicht traurig“.

Mit einem Lächeln auf den Lippen ging sie von dieser Welt. Lange saß ich noch an ihrem Bett, die Hand auf ihrem Arm und ich hörte noch ihre Worte – der Tod gehört zum Leben, die Beiden kann man nicht trennen.

Ich dankte noch Gott dafür, dass Oma so friedlich einschlafen durfte und verabschiedete mich von ihr, mit einem Kuss auf die Stirn.

© Gina