ein kleiner Schatz

Es regnet und ich stöbere in einem alten Schrank auf dem Dachboden, eigentlich soll ich aufräumen, die unnützen Dinge, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, rigoros wegschmeißen, entsorgen, wie man so schön sagt. Ich bringe es nicht übers Herz. Ich finde Schulhefte aus der ersten Klasse, ich muss über meine Schrift lächeln, gleichmäßig, trotzdem eine Kinderschrift. Nein, die werfe ich nicht weg, ich lege alle Hefte der ersten Klasse auf einen Stapel, dann kommt die zweite Klasse und in der dritten Klasse finde ich mein Stammbuch. Jeder hatte eines, das er hütete wie einen Schatz. Ich blättere darin, wir waren nur Mädchen in der Klasse und wirklich alle mussten sich mit einem Sprüchlein und eine hübschen Zeichnung in diesem Stammbuch verewigen, auch die Lehrer. Einige haben anstatt einer Zeichnung ein Bildchen eingeklebt, doch meistens wurden Rosen und Vergissmeinnicht neben den Sprüchen gezeichnet, mehr oder weniger schön. Meine Eltern haben auf den ersten beiden Seiten des Stammbuches ihr Sprüchlein geschrieben und mein Vater hat die allerschönsten Bildchen des ganzen Stammbuches gezeichnet.

Ich erinnere mich noch ganz genau, zuerst musste sich die Familie verewigen, dann kamen die Freunde und Mitschüler an die Reihe. Mein Vater, der toll zeichnen konnte, malte mir einen Engel, zuerst mit Tusche, dann bunt ausgemalt. Auch für den Spruch meiner Mutter fertigte er die Zeichnung an, einen wunderschönen Rosenbogen, mit einem kleinen Mädchen, für meine Oma einen großen bunten Blumenstrauß, doch meine Oma hat nie einen Spruch hineingeschrieben, sie war schon alt, diese Seite ist leer. Als ich mein Stammbuch – heute heißt es Freundebuch - in die Schule mitgenommen habe, wollten alle die Zeichnungen meines Vaters sehen, das Büchlein wurde herumgereicht, sogar meine Lehrerin durfte es sehen und danach auch hineinschreiben. Im Nu hatte ich viele Stammbücher auf meinem Pult liegen und alle Mädchen wollten auch so eine schöne Zeichnung von meinem Vater haben, ich fühlte mich damals geschmeichelt.

Heute bin ich noch stolz auf diese Zeichnungen und auf meinen Vater.

© Gina