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Er und ich

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Er und ich | story.one

Wenn man traurig ist dann schreibt man die schönsten Geschichten. Wer weiß vielleicht stimmt das. Vielleicht ist es weil man in Momenten,in denen das Herz so weh tut, dass man es nicht ertragen kann sich an Momente erinnert, an die vielen kleinen, die einen so glücklich gemacht habe. Was ist das schlimme daran in der Vergangenheit zu leben, wenigstens ab und zu weil es einfach viel schöner ist als das hier und jetzt?

Er und ich. Das war immer wie Feuer und Wasser, wie Winter und Sommer, wie Sandalen und Stiefel. Ich liebte die Oper, Brunetti und Kaffee. Er liebte Fußball, Snowboard und allein beim Geruch von Kaffee sah man in seinem Gesicht, wie sehr er ihn nicht mochte. Trotzdem hat er mir immer zum Frühstück eine Tasse eingeschenkt, all die Jahre. Ich hab mir Fußball angeschaut, die Championleague, UEFA Cup und was es sonst noch so gab. Er war der Ordentliche und ich das lebendige Choas. Ich liebte es wie ordentlich er alles schlichtete und so sehr ich mich all die Jahre bemühte, ich schaffte es selten einen neunen Müllsack in den Eimer zu geben. Ich liebte es zu tanzen und er nicht. Er sah gerne im Finsteren fern und am Weg zum WC erleuchtete ich die restliche Wohnung lichterloh. Ich liebte es zu baden und er zu duschen. Es gab vieles was jeder von uns für sich liebte und manchmal nahmen wir einander mit in die Welt des anderen. Ich weiß wie ich mir ihm zuliebe ein Fahrrad kaufte und am Parkplatz wie eine Fünfjährige meine Runden zog und wie peinlich es mir vor ihm war, dass ich die immer so selbstsicher schien und alles konnte am Rad einem tollpatschigen Kind glich. Heute liebe ich mein Rad und ich möchte es keinen Tag missen. Er verweigerte Urlaub und ich weiß noch mit welchem skeptischen Blick er sich ins Auto setzte als wir unsere erste Reise nach Mailand machten, drei Tage höchstens, nur mal so zum Test. Wir liebten es - Mailand und auch das gemeinsame Reisen. Viele Orte entdeckten wir gemeinsam, bei Regen und Sonnenschein. Wir haben in Siena zu Silvester im Schnee getanzt und in Nizza in der Sonne ein Glas Wein getrunken. Ich knirschte fürchterlich mit den Zähnen und er war es der manchmal schnarchte, dann aber so richtig. Gottseidank waren wir nur ER und ICH, Kinder hätten bei dem Lärm wohl nicht schlafen können. Ich war der enspannte Koch, er der hektische. Ich putze mein Auto in 10 Minuten, er in einer Stunde. Ich liebte es paarfuß herumzurennen, Sommer wie Winter und seine Hausschuhe schienen beinahe wie angewachsen. Das war unser Leben. ER und ICH, wie Lady Sunshine und Mr Moon. Jeder liebte sein Leben und beide liebten wir unser gemeinsames. Wir liebten einander. Jetzt bin nur mehr ICH übriggeblieben. ER ist nicht mehr da, ihn gibt es nicht mehr. Aber ich schau weiter Fußball und das mit dem Müllsack schaff ich jetzt auch. Das würde ihn freuen oder vielleicht auch nicht? Wer weiß.Weil ich nun mal ICH war und er ER und gemeinsam waren wir ein WIR.

Einen Menschen kann dir das Leben wegnehmen, Erinnerungen nicht.

© [email protected] 2020-10-18

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