Durch Wien mit Christine Nöstlinger

Als Kind vom oberösterreichischen Land verband mich mit Wien rein gar nichts. Auch die Erwachsenen fanden nichts an der Bundeshauptstadt. Sie waren zum Großteil höchstens einmal dort gewesen: die jüngeren bei der Wienwoche, die älteren beim Raiffeisen-Ausflug. Den jüngeren hatte der Prater gefallen, den älteren der Stephansdom.

Mit "denen da, in WEAN", seien es Politiker oder Kulturschaffende, konnte man nichts anfangen. Wien war definitiv weiter weg, als die drei Stunden Autofahrt. Die einzige funktionierende Verbindung zu Wien war das Fernsehen. Und auch wenn mein Vater nach Heinz Conrads' "Guten Abend die Madln, Servas die Buam!" immer leicht abschätzig meinte: "Echt weanerisch!", war die Sendung am Samstag Abend ein Fixpunkt.

Da es auch nicht einmal die entfernteste Verwandtschaft in Wien gab, war also nicht damit zu rechnen, dass ich vor der Wienwoche in der 4. Klasse Hauptschule jemals etwas über diese Stadt erfahren würde.

Aber ich entdeckte Wien dennoch bevor ich 14 war! Und zwar ganz unverhofft in unserer Gemeindebücherei. Und das war eine großartige und (wort)gewaltige Entdeckung! CHRISTINE NÖSTLINGER

Ich verschlang alle ihre Bücher im Regal der Reihe nach. Ich könnte gar nicht sagen, welche ihrer kindlichen Hauptfiguren mir am meisten gefiel: Gretchen Sackmeier, die Wurschtelfrau, das Austauschkind, Wetti oder Babs, die feuerrote Friederike oder doch die alte Rosa Riedl, das Schutzgespenst? Später war ich schwer beeindruckt von "Maikäfer flieg" und den "Zwei Wochen im Mai", Nöstlingers eigenen Kindheits- und Kriegserinnerungen

Abseits der kindlichen Lebenswelt und deren Sorgen und Nöte, schildert jede Geschichte so viel Wiener Lokalkolorit, Wiener Leben und Wiener Vergangenheit.

Den Gemeindebau, die neugierige Hausmeisterin, den Bassena-Tratsch, Zimmer-Kuchl-Kabinett, das Scheidungskind, die Schulhofstreitereien, die Probleme im Gymnasium, das Straßenbahnfahren, den Park, den kindlichen Kampf gegen die erwachsene Ungerechtigkeit, die erste Liebe, aber auch das Leben in der Stadt während des Krieges und der Nachkriegszeit.

Das alles entstand im Nöstlinger-Wien direkt in meinem Kopf.

Danke, unvergessene Christine Nöstlinger!

© Goldberg