Ein Knirps erobert Wien!

Wieden 848.

Dort verbrachte ich meine Jugend, meine Ausbildungszeit und von dort aus eroberte ich meine Welt. Die Großstadt wurde für mich zum urbanen Raum. Der Wald als Ausflugsziel, anfangs mit den Eltern der Wienerwald, das Wiental, später Schulausflüge, mit der Jungschar wandern, war immer ein tolles Erlebnis. Schon früh sind wir mit der Stadtbahn nach Hütteldorf gefahren und über die Dämme des Wienflusses gelaufen. Die waren zwar abgesperrt,das betreten verboten, aber Vati hat uns über die Absperrung gehoben, ist selber mit Mutti vorbei geklettert und schon eröffnete sich ein sehr langer Wanderweg. Im Sommer wenn es sehr warm war, dann wurde der Asphalt weich und heiß – stehenbleiben ging dann nicht. Ich war noch sehr klein, einmal hatte ich blutige Zehen, denn durch die Müdigkeit konnte ich meine Füße nicht mehr heben, die Zehen stießen gegen den Boden, die Zehenspitzen unter dem Nagel platzten auf, …. das tat weh! An weitere Details erinnere ich mich nicht. Wenn ich später mit dem Zug nach Wien fahren durfte, wußte ich sofort wir sind gleich in Hütteldorf wenn die Dämme der Rückhaltebecken des Wienflusses ins Blickfeld rückten. So blieb die Erinnerung frisch.

Öfters waren wir in den Armen des Wienflusses, draußen in Hütteldorf, baden. Besonders in Erinnerung sind mir die Spenadler, sehr kleine Fische die andere Kinder mit Gläsern gefangen hatten, ich habe dann die Fische auch gesehen aber gefangen habe ich keinen. Erst viel später habe ich dann ein Gurkenglas mit Kaulquappen gehabt. Spannend wenn man das sieht, aber leider ist die Neugierde größer als die Empathie für die Tiere, die sich nicht wehren konnten. Sie gingen ein, wenn Sie nicht rechtzeitig in die Natur zurückgebracht wurden, weil die Tiere etwas vermißten, was wir nicht wußten.

Es waren viele alte Geschäfte gerade noch da, Essen gab es auf den Märkten, hier war für mich der Naschmarkt Maßstab. Wenn noch die Laster aus fernen Ländern im Großhandelsbereich ihre Waren ausluden. Melonen lose, ohne Behälter, da fiel schon mal eine Melone herunter und platzte. Selten, wenn man lange genug Geduld aufbrachte, konnte man etwas ergattern. Dann hat einer der Fahrer uns Kindern etwas hingeworfen, und gedeutet - verschwindet schnell.

Später habe ich mir am Naschmarkt Geld verdient. Schneeschaufeln in der Nacht, am Wochenende, um nicht erkannt zu werden. Mit diesem Geld habe ich mir dann meine erste Spiegelreflex gekauft. Fotografieren wurde schon früh mein Hobby. Meine alte Agfa-box war nicht gut genug.

Jeder musste sich neue Wege erschließen um sein Leben zu meistern und die Vergangenheit zu vergessen. Egal welche Erinnerungen das Gehirn zu verarbeiten hatte, es wurde beiseite geschoben; jahrzehntelanges Schweigen war das probate Mittel dieser Zeit. Unter dieser, sicher auch spannungsreichen Entwicklung wuchs ich heran. Für mich kleinen Knirps war alles normal, so wie es eben gerade kommt. Eine "Vergangenheit" hatte ich noch nicht. Eltern, Lehrer, schon!

© GONI