Notfallfahrt

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Notfallfahrt | story.one

Meine Mutter lebt allein in Ihrer Wohnung in Wien.

Sie ist 87 Jahre jung geblieben.

Aber es zwackt da und dort. Meine Schwester betreut sie, so gut Mutter es zulässt. Das ist so eine klassische Mutter Tochter Beziehung.

Mit geht es nicht und ohne - auch nicht, sie wohnt ja nur einen Katzensprung entfernt.

Urlaub ist angesagt. Wie ausgemacht, habe ich für Mutti zu sorgen, damit das sorgenfreie Tage werden. Schon öfters war das so ausgemacht, aber nie hat meine Karte gezogen werden müssen, ich hatte Glück.

Aber eines Tages, der Anruf kommt um 19 Uhr.

Mutters Stimme ganz dünn, leise, hilf mir! Ich liege am Boden, ich komme nicht hoch!

Die Gedanken jagen durch den Kopf, schnelle Hilfe. Schloß aufbrechen lassen, Rettung ... Das würde sie mir nicht verzeihen.

Zwischen den Haustüren liegen 200 Kilometer!

Gut Mutter, ich komme. Der Ernstfall ist eingetreten!

Ich schnappe den Autoschlüssel, Stiegen runter, mein alter Franzose bekommt die Sporen.

Ohne Rücksicht auf Radarkästen mit Vollgas über die Westautobahn. Die eine oder andere Kurve, der Wagen schlingert, ich fange ihn ab. Was ist das? Macht er doch sonst nicht. Na ja, bei 130 km/h nicht, eh klar. Weiter...

Bei wenig Verkehr damals eine Sache von 2 Stunden, ich brauche nur 1 ¾ Stunden -Wels - Wien Wieden. Ich male mir aus, was auf mich zukommt - wildeste Gedanken wuseln mir durch den Verstand. Was erwartet mich?

Was finde ich? Mutter liegt am Boden vor ihrem Bett. Brot und Tee am Tisch daneben.

Sie hat die Zeit übersehen nichts gegessen und als sie das nachholen will, wird sie so schwach und kommt nur mehr bis ins Schlafzimmer. Sie wollte sich aufs Bett setzen, rutscht mit der Decke nach unten, der Teppich rutscht mit weg und so finde ich sie.

Sie hatte schon viel Zeit gebraucht, mit dem Spazierstock das Handy von einem anderen Tisch zu fischen um mich anzurufen.

Ich helfe ihr auf, mach Wasser für einen neuen Tee, sie isst ihre Semmel und bald kehren ihre Kräfte zurück.

Was, wenn sie das Telefon nicht erreicht hätte? Erst 4 Tage später wäre meine Schwester gekommen. Lieber nicht so etwas denken. Ich war ja "gleich da".

Wir unterhalten uns noch, es geht ihr wieder besser!

Schlaf gut, Mutti! Ich mach mich auf den Heimweg, gerade fängt der neue Tag an.

Zufrieden, fahre ich, diesmal gemütlich, zurück. War das ein Test für den Ernstfall, oder schon ein Ernstfall? Ich bin nicht dahintergekommen. Jedenfalls braucht mein Herz noch eine ganze Weile sich zu beruhigen, daher keine Einschlafgefahr, am Rückweg.

Sie ist über 90 Jahre alt geworden und war bis zuletzt daheim, abgesehen vom Krankenhausaufenthalt von zuerst 2 Wochen, dann 3 Wochen.

Meine Mutter hat sehr lange mein Leben begleitet.

Das ist gut so!

© GONI