Zentral.....hof!

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Zentral.....hof! | story.one

Er ist mir fremd geworden.

vor 64 Jahren starb mein Vater, meine Mutter vor 7 Jahren.

Nun sind sie wieder zusammen. Und auch beigesetzt. Am größten Wiener Friedhof. Vieles hat sich verändert.

Vor ein paar Jahren im Sommer, bei 31 Grad lag eine Staubwolke über den Grabsteinen. Ein höllen Lärm, erfüllte die flirrende Luft, unerklärlich das Getöse von Motoren. Beim Näherkommen, die Luft wird immer schlechter, der Geruch von 2-takt Gemisch, Staub, Rasenreste werden bis 10 m hoch aufgewirbelt und legen sich erst nach geraumer Zeit wieder über den friedlichen Gräbern nieder.

Das Grab meiner Eltern, liegt in dem betroffenen Segment. Ich gehe den Lärm nach, schon fliegen mir Staubwolken und Steine nur so um die Ohren. Ich muß fürchten eine Verletzung zu riskieren, ziehe mich zurück. Ich habe genug gesehen, ein Team von Arbeitern mit schweren Motormähern umgeschallt und von Hand geführt gehen durch die Gänge und befreien die Gehwege von den halb vertrockneten Grashalmen. Auch vernachlässigte Gräber werden kurzerhand platt gemacht. Dahinter geht ein großer, kräftiger Mann mit einem gerade noch tragbaren Motorgebläse und verteilt den Rasenschnitt, Steine und Erde so gleichmäßig über die Gräber, daß die Wege sauber aussehen. Gepflegte Gräber, schauen nacher nicht mehr so aus, der Blumenschmuck beeinträchtigt, kein Wunder wenn gerade ein mittlerer Tornado dort gewütet hat.

Ich ziehe mich zurück, ein Platz zur Besinnung, zum Beten ist das nicht mehr. Ich lese kürzlich, der Zentralfriedhof wird geöffnet für Jogger und Touristen. Ich verstehe das nicht, der Zentralfriedhof war doch schon seit ewigen Zeiten offen, zugänglich nur am Abend werden die Tore geschlossen.

Wozu muß man zusätzlich die Menschen einladen, ein Naherholungsgebiet zu nutzen, das ohnehin schon immer offen war?

Ist der einst außerhalb von Wien gelegene Friedhof, nun so von der ausbreitenden Stadt vereinnahmt, daß er zum Bollwerk und zum Hindernis der Verkehrsplanung wird?

© GONI 11.06.2019