Alltagssorgen einer Jungärztin

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Alltagssorgen einer Jungärztin | story.one

Dein Diensthandy läutet. Patient B. ist gestürzt. Sofort stehst Du auf und machst Dich auf den Weg in das betreffende Patientenzimmer. Eine Krankenschwester steht bei dem Patienten, der an der Bettkante sitzt. An ihrem Gesichtsausdruck erkennst du: alles nicht so schlimm. Patienten abchecken: wach, voll orientiert, keine Schmerzen. Alles klar. Keinerlei Grund, die Nummer zu wählen.

Es vergeht nicht viel Zeit, da brummt das Handy wieder. Erhöhter Blutdruck bei Patientin K. Am Weg zur Station durchläufst Du in Gedanken die verschiedenen Therapieoptionen. Am Stützpunkt herrscht eine hektische Atmosphäre. Du wirfst einen Blick auf die aktuellen Vitalparameter der Patientin: Blutdruck 168/104 mmHg. Du entscheidest Dich dazu, ein Medikament zu verordnen. Wartest unruhig auf die nächste Blutdruckmessung. Anrufen willst Du aber nicht. Du hast das schon im Griff.

Blutdruckkontrolle. Der Druck ist auf 210/147 gestiegen. Zudem berichtet die Patientin jetzt über Schwindel und Kopfschmerzen. Deine Alarmglocken schrillen. Frau K. liegt bleich und schwitzig im Bett. Gänsehaut auf deinen Unterarmen. Was jetzt? Eine höhere Dosis, ein anderes Medikament – aber sieht das EKG wirklich unauffällig aus? Solltest Du nicht die Herzfrequenz senken? Sind die Pupillen wirklich gleich groß? Deine Nervosität nimmt zu. Du kramst dein Diensthandy aus der Tasche, bist kurz davor die Nummer zu wählen. Nein, Du schaffst das. Reiß Dich zusammen, denk nach. Du holst Dir Rat bei der Pflege ein, die wesentlich mehr Erfahrung hat als Du. Gemeinsam beschließt ihr, ein anderes Medikament auszuprobieren. Du willst die Werte sofort kontrollieren, weißt aber, dass das Medikament nicht so schnell wirken kann. Unruhig streifst Du durch das Patientenzimmer. 10 Minuten reinste Qual. Du bist ohnehin ein ungeduldiger Mensch, und dann noch in einer solchen Situation…Die nächste Messung ergibt: 223/156. Mist, Mist. Du schaffst das nicht alleine. Plötzlich ist Dein Stolz wie weggeblasen. Das Wohlergehen der Patientin zu sichern ist wichtiger, als deine Selbstständigkeit unter Beweis zu stellen.

Du hast die Nummer schon rausgesucht und drückst jetzt die grüne Taste. Eine Männerstimme meldet sich. Dein Oberarzt. Du erläuterst die Situation, er macht sich auf den Weg zu Dir. Erleichtert teilst Du der Patientin mit, der Oberarzt sei gleich da. Beruhigst sie, und Dich.

Der Oberarzt erscheint im Zimmer, checkt die Lage ab, weiß sofort, was zu tun ist. Du kommst Dir plötzlich wieder vor wie eine ahnungslose Studentin, nutzlos, aber das ist im Moment egal. Es geht um die Patientin.

Als sich die Lage beruhigt hat, beginnst Du, Dich beim Oberarzt zu entschuldigen. Er unterbricht Dich. Lobt Dich dafür, dass Du es zunächst alleine versucht hast. Erklärt, dass es wichtig ist, abschätzen zu können, wann man Hilfe benötigt. Im Gehen wendet er sich nochmal um, meint lächelnd, aus Dir werde eine gute Ärztin.

Du hast noch viel zu lernen. Aber Du bist am richtigen Weg.

© granismith 22.09.2019