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Mut

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Mut | story.one

Und dann habe ich gelernt, dass auch die Wirtschaft ein Spiel mit unendlichen Möglichkeiten ist. Frühling 2003. Ich sitze an einem leeren Schreibtisch. Vor mir ein Computer. Daneben ein Telefon mit eigener Durchwahl. Erster Job, erster Arbeitstag.

Wenige Tage zuvor hatte ich bei einem Abendessen den Werber Sepp Baldrian kennengelernt. Wir haben uns lange unterhalten, es wurde spät. Danach besuche ich ihn in seinem Büro. Er führt mich durch das ganze Haus. Grafikabteilung. Abo-Verkauf. Einen Stock tiefer die Online-Abteilung. Am Schluss führt er mich zu einem Raum mit einem leeren Schreibtisch: „Und das ist dein Schreibtisch. Wenn du willst, kannst du morgen anfangen.“

Ich bin überwältigt. Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen. Erste Vorstellungsgespräche sind schleppend verlaufen. Ein Mitarbeiter im Rollstuhl? Für viele schwer vorstellbar. Erwähne ich meinen Rollstuhl bereits am Telefon, gibt es eine Absage. Erwähne ich ihn nicht, ist das Erstaunen nachher groß. Und jetzt fällt mir so eine Chance in den Schoß!

Von Sepp habe ich alles gelernt, was man über Wirtschaft lernen kann. Es beginnt bei den Basics. Telefonieren: Abos verkaufen. Vertrieb: Besuche bei Weinbauern. Dann die gemeinsame Entwicklung erster Geschäftsideen: Wer könnte ein Interesse haben? Wie lässt sich eine Idee in wenigen Sätzen darstellen? Und wie erzeuge ich Emotion? Ausführliches Feedback nach jedem Geschäftstermin.

Im Laufe der Jahre entsteht eine enge Freundschaft. Unvergessen die Abende auf der Terrasse hinter dem Büro, wenn wir bei einer Flasche Wein neue Ideen entwickelten, die Ideen wie Pingpong hin und her spielten. Wir gründen gemeinsam mehrere Firmen.

Sepp Baldrian war es auch, der aus dem Thema Behinderung eine Chance machte. Das Thema, das ich nach wie vor am liebsten ignoriert hätte. Aber alles kam anders.

Mein größter Wunsch war immer noch der Wunsch nach Normalität. Doch egal, wo ich hinkam, hatte ich alle Blicke auf mir, wie auf einer Bühne. Als ich nach New York flog, galt das schon als unglaubliche Sonderleistung. Oft gab es überschwängliches Lob für die normalsten Dinge. Immer klarer erkannte ich, dass die größte Hürde nicht die Stufen am Gehsteig sind, sondern die Barrieren im Kopf meines Gegenübers.

Sepp verstand meinen Ärger. Aber er erkannte darin eine Chance zur Veränderung. Mein Unmut war groß – Sepp strich das „Un“ und formte daraus Mut zur Veränderung.

Wochenlang sammelte ich internationale Statistiken. Wir staunten, als wir erkannten, wie unglaublich viele Menschen von Behinderung betroffen sind. Wir testeten den Markt und lernten, dass Unternehmen durchaus ein Interesse an dieser Zielgruppe hatten. So entstand unsere nachhaltigste Geschäftsidee.

Heute weiß ich: Es gibt in jeder Situation Chancen. Man muss sie nur suchen. Und nutzen. Jede Veränderung, jeder Absprung aus dem gewohnten Leben, braucht Mut. Auch Mut zum Scheitern. Denn durch das Fallen lernen wir, aufzustehen und weiterzugehen.

© Gregor Demblin 16.09.2020

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