Das Herz tief in meiner Unterhose

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Das Herz tief in meiner Unterhose | story.one

Erste Maiwoche- ein arbeitsreicher Tag neigte sich dem Ende zu. Gefesselt von einem Gänsehautkrimi lag ich auf der Couch. Mit dem Schlusswort knipsten sich die Straßenlaternen aus. Ein untrügliches Zeichen von Mitternacht. Nach einem Schnelldurchgang mit der Zahnbürste plumpste ich in mein Bett.

Leise plätscherte der Bach neben meinem Schlafzimmerfenster. Die Augenlider wurden schwerer und schwerer, Polster und Decke umarmten und verhüllten mich und entführten mich ins Land der Träume.

STOPP!!!!

Mit einem heftigen Ruck holte mich ein Gedanke zurück. Morgen war der Termin zum Reifen wechseln vereinbart. Und wo waren die Sommerreifen. Nicht in meinem Auto, sondern im ... Keller. Mit einem Stöhnen hievte ich mich aus dem Bett, holte mir Jogginghose und Shirt aus der Schmutzwäschebox, um sie gegen den Pyjama einzutauschen. Mühevoll schleppte ich Reifen um Reifen aus dem Keller. Mit jedem Reifen beschlich mich ein Gefühl von Unbehagen. Trotzdem die Straßenbeleuchtung ausgegangen war, zeigte sich die Parallelstraße hell erleuchtet. Wiederholt wurde ein Auto gestartet, es fuhr an, der Motor ging aus und ein paar Autotüren knallten. Sehr seltsam.

Die Reifen lagerten im Auto und ich hörte mein Bett nach mir rufen. Wenn da nur nicht die ungewöhnlichen Geräusche aus der Nachbarstraße gepaart mit dem hellen Licht jegliche Müdigkeit aus meinen Knochen gejagt hätten.

Jogginghose und Shirt wurden gegen einen Rock und Bluse getauscht. Voller Neugierde näherte ich mich dem Licht. Auf der Straße steuerte ein goldenes Auto auf mich zu und bog wenige Meter vor mir in eine Zufahrt. Der Motor wurde abgestellt, die Türen knallten.

Und dann standen 4 Männer in schwarz vor mir. Springerstiefel, schwarze Hose, schwarze Lederjacke, über dem Kopf schwarze Sturmmasken. Einer der Männer trug in seiner rechten Hand den Autoschlüssel und in der anderen eine schwarze Sporttasche. Die übrigen 3 richteten ihre Pistolen direkt auf mich.

"Das hast Du nun von Deiner Neugierde!", schalt mich mein innerer Schweinhund, der für die Rückkehr ins Bett plädiert hatte.

Ich war fassungslos, versteinert und mein Herz parkte tief in meiner Unterhose.

Trotz aller Angst sondierte ein Teil von mir die nähere Umgebung.

Neben der Straße standen mindestens 30 weitere Personen, die ich noch nie in unserer Nachbarschaft gesehen hatte.

"Cut!" tönte es einige Meter entfernt von mir. Und: "Zurück zum Anfang!".

Hurtig kletterten die vier Männer in das goldene Auto, schoben rückwärts aus der Einfahrt und parkten ein Stück die Straße hinunter.

"Und Sie da, verlassen Sie augenblicklich die Straße! Wir drehen!", schallte es aus derselben Richtung.

Ich stand da, wie der Ochs vorm Tor. Ein junger Mann löste sich aus der Menge und zog mich aus der Schusslinie.

Auch in den nächsten beiden Nächten wurde unser Graben zum Filmset für Aktenzeichen XY ungelöst.

Der Überfall auf den Juwelier in der Nachbarschaft wurde meines Wissens nie aufgeklärt.

In diesem Sinne- süße Träume!

© gudrun salzer 20.01.2020