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Die böse Sonne

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Die böse Sonne | story.one

Kürzlich. Staatsbesuch in Syrien. Ich unterhalte mich mit dem Familienoberhaupt. Wir plaudern über das aktuelle Wetter. Während ich heißen, gesüßten Pfefferminztee trinke.

Und Schwups, verdunsteten meine Gedanken aus der stickig, überhitzten Dachgeschosswohnung in die Sahara. Auch dort wurde mir seinerzeit dieses Getränk serviert. Als geneigte Mitteleuropäerin, die sich mehrmals täglich nach dem hohen Norden sehnt, habe ich mich damals auf dieses Experiment eingelassen. Hochtranspirierend noch etwas heißes in die Körpermitte einzufüllen. Die Quadratur des Kreises sei noch nebenbei erwähnt. Ich hasse gezuckerten Tee. Der Grad meines Erstaunens war enorm. Denn, erstens, der Tee schmeckte vorzüglich. Und zweitens, meine innerliche Kühlschrankfunktion setzte schnell und durchaus anhaltend ein.

Zurück nach Syrien. Dachgeschosswohnung. Tee. Auch heute, am heißesten Tag des Jahres, kühlt er mich innerlich. Ich sitze am Tisch mit einem Mann, für den ich nach arabischen Heiratsgepflogenheiten Muttergefühle aufbringen könnte. Seiner reizenden Frau und ihrer schweigsamen Schwiegermutter.

Er berichtet mir aus seinem Leben. Seiner Flucht. Ich höre von der Zeit im Camp, die die beiden Frauen mit den Kindern durchstehen mussten. Während ihm in Österreich Asyl gewährt und auf eine baldige Familienzusammenführung gehofft wurde. Als gelernter Steinmetz nahm er eine Stelle am Bau an. Heute ist er dankbar, nicht mehr auf der Baustelle arbeiten zu müssen. Denn: "Hier in Österreich ist die Sonne böse!", meinte er.

Unter der bösen Sonne parke ich heute. Auf meiner Decke im Halbschatten. Ein ganzer war einfach nicht mehr zu haben. Welch guter Geist hat ein Magazin über Norwegen in der badeseeeigenen Bücherkiste für mich hinterlegt? Ich blättere genießend und fasziniert. Seite um Seite. "Endlich ist wieder Winter!", entziffere ich zwischen meinen schweißgetränkten Wimpern. Langlaufende in tiefen gespurten Loipen ziehen an mir vorbei. Wenn die wüssten. Worauf ich gerade sitze. Ich schmunzle. Nämlich: auch auf der Loipe. Mittendrin.

Im Winter wird auf meinem Sommersitzplatz der selbstgemachte Schnee unserer Gemeindearbeiter ausgebracht. Damit die Langlaufhungrigen auch bei frühlingshaften Temperaturen im Dezember und Jänner auf ihre Kosten kommen. Sollte Petrus wieder einmal das Thermostat falsch programmiert haben.

Dicke Handschuhe tragen die abgelichteten Schneeschuhwanderer ein paar Seiten weiter. Die dicken Handschuhe sind heute auch schon durch meine Hände gewandert. Sie hängen, so wie ich, auch unter der bösen Sonne herum. Virusbedingt ist der obligate Frühjahrswaschablauf irgendwie durcheinandergeraten. Daher durften die Handschuhe nach eine entsprechenden Quarantänedauer heute endlich in die Waschmaschine. Und Dank der bösen Sonne nun ins wohlverdiente Winterquartier wechseln.

In diesem Sinne: ICH freue mich auf den kommenden Winter!

© gudrun salzer 01.08.2020

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