Erwünscht

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Erwünscht | story.one

Mama war voller Freude, als sie entdeckte, dass ich da bin. Doch nach ein paar Wochen verflog das Lachen. Die Worte, die ich von draußen hören konnte, verstand ich nicht zur Gänze. Irgendetwas an mir sollte nicht stimmen. An mir war doch alles dran, hatte eine Stimme von außen erklärt. Köpfchen, zwei Arme, zwei Beine, ein schöner Rücken, Finger und Zehen. Nur am Nacken sei etwas zu dick. Ein langer spitzer Gegenstand kam auf mich zu. Gerade so, als wollte er mich aufspießen. Einen Teil des Wassers, dass mich umgab, saugte das Metall auf. Mamas Herzschlag raste.

Etwas später hörte ich von einem Dingsbums an mir zu viel. So wie Trisomie 21? Und dass es vielleicht besser wäre, wenn man mich gleich aus Mamas Bauch rausholen würde. Von Mamas schnellem Herzschlag wurde mir ganz schwindelig.

Am nächsten Morgen spürte ich eine Berührung von der anderen Seite. Mamas vertraute Stimme klang heute wie in meinen ersten Tagen. "Wir schaffen das!", meinte sie. Und ich boxte an die Außenwand, um ihr zuzustimmen. Fortan begrüßten wir uns jeden Morgen auf diese Weise. Etwas seltsames passierte etwas später. Mamas Herz machte einen Hüpfer, nachdem ich meine Guten Morgen Boxer erledigt hatte. Lustiger Weise spürte ich seitdem nicht nur Mamas Hand, sondern auch die von Papa. Und eine viel Kleinere noch dazu.

Zunächst war es noch recht komfortabel in meinem zu Hause, aber weiß der Geier, warum es von Tag zu Tag enger wurde. Irgendwann hatte ich die Nase voll von dem Gefängnis. Der Weg nach draußen war eine Tortur. Und dann war es plötzlich hell und kalt und ich dachte, meine Hände und Füße würden von mir abfallen. Zum Glück spürte ich, dass mich jemand festhielt. Etwas Feines und Weiches drückte sich zart auf meine Stirn und ich hörte Mamas Stimme, nur viel lauter und schöner.

Der Weg Umzug hatte sich tatsächlich gelohnt. Es war nicht mehr so eng und ich durfte die meiste Zeit mit jemanden kuscheln. Alle passten gut auf meine Arme, Beine und meinen Kopf auf. Ich hatte immer noch das Gefühl, sie bei jedem Hochheben zu verlieren. Ich lernte aber schnell, dass ich mich auf die liebevollen Hände verlassen konnte, sodass kein Körperteil zurückblieb. Am lustigsten fand ich die Hände von meinem Bruder. Der packte mich zwar recht fest an, dafür machte er mit seinem Gesicht die ungewöhnlichsten Dinge.

Eine Frau besuchte uns regelmäßig. Mama und Papa hatten sie eingeladen. Für mich und meinen Bruder hatte sie Dinge zum Spielen mit. Für Mama und Papa immer ein offenes Ohr. Ich lernte sitzen, krabbeln und gehen. Anfänglich fehlten mir die Worte, aber wir hatten unsere Geheimzeichen mit den Händen. Im Kindergarten war es in den ersten Wochen schon recht unheimlich. Besonders verwirrt hat mich, dass ich mir dort aus dem Kühlschrank keine Cabanossi holen darf, so wie ich es zu Hause immer mache. Ich habe Freunde gefunden. Wir treffen uns am Nachmittag zum Spielen. Mal bei mir, mal bei ihnen.

Seit Herbst gehe ich zur Schule. Aber nicht mit meinen Freunden. Man hat es mir nicht erlaubt.

© gudrun salzer