Rustan wird Sozialminister

Gebildetsein ist keine politische Kategorie. Da hat Erwin Pröll mit seiner Aussage, dass das einzige Buch, das er gelesen hat, der „Schatz im Silbersee“ von Karl May ist, Maßstäbe gesetzt. Ein Karl May reicht für eine erfolgreiche Politikerkarriere.

Ich weiß nicht, ob meine Minister den Schatz im Silbersee gelesen haben; eine erfolgreiche Politikerkarriere haben sie jedenfalls gemacht – schließlich sind sie ja Minister geworden, und keiner hat jemals mit mir über Belletristik gesprochen. Ich habe das auch nicht erwartet. Ihre Welt war die Sozialpolitik. Sozialversicherung und Arbeitsrecht, da kannten sie sich aus, das füllte ihre Tage. Rudi Häuser hatte ein Volkstheaterabonnement. Und das war es dann.

Aber als Josef „Jolly“ Hesoun im April 1995 zurücktrat, nominierte ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch den Eisenbahnerobmann Franz Hums für das Amt des Sozialministers. Am Tag des Ministerwechsels war gerade der Sozialkommissar der EU in Wien, und der Noch-Sozialminister Hesoun gab für ihn ein Mittagessen, bei dem auch Franz Hums, der am Nachmittag angelobt werden sollte, teilnahm. Ich kam neben Hums zu sitzen, wir kannten uns aus dem Parlament – damals hatte die SPÖ noch genügend Mandate, um jedenfalls den Obmännern der größeren Gewerkschaften einen Parlamentssitz zu verschaffen – und er erzählte mir die Geschichte seiner Nominierung.

Das hier ist keine politikwissenschaftliche Studie, für die derartige Vorgänge einiges hergeben würden, und deshalb gehe ich da auf Einzelheiten nicht ein. Als Franz Hums, so erzählte er mir, am Tag, nachdem er von seiner Berufung zum Minister erfahren hatte, aufwachte und ihm bewusst wurde, was da auf ihn zukam (beginnen sollte es damit, dass er sich an diesem Vormittag dem SPÖ-Parlamentsklub als – designierter – Sozialminister vorstellen sollte), da dachte er an Rustan in Grillparzers „Der Traum ein Leben“ und wie schön es wäre, wenn das mit seiner Ministerschaft nur ein Traum wäre, aus dem er – wie Rustan bei Grillparzer – erleichtert aufwachen könnte.

Ich meinte, ich wäre es, der träumt. Da bekomme ich nach bald vierzig Jahren im Sozialministerium und nach sieben Ministern eher literaturfernen Zuschnitts doch tatsächlich einen Minister, der seine Befindlichkeit/en anhand von Figuren der klassischen Literatur beschreibt!

So ist mir Franz Hums vom ersten Tag seiner annähernd zweijährigen Ministerschaft sympathisch gewesen, und diese zwei Jahre gehören zu den angenehmsten meiner Zeit als Sektionschef. Und das Gespräch in dem grottenartigen Lokal am 6. April 1995 war der Beginn einer bis zu Franz Hums‘ Tod im März 2015 fortdauernden Freundschaft.

Da habe ich später dann erfahren, dass Franz Hums Absolvent des Schottengymnasiums war. Das erklärt zwar seine Literaturkenntnis. Aber was hat sich Erwin Pröll aus seinem Deutschunterricht gemerkt?

© Günther Steinbach