Mata Hari in Ubud

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Mata Hari in Ubud | story.one

Wir erreichten unser Hotel in Ubud direkt neben dem Monkey Forest, wo uns bald Affen am Balkon besuchten. Nach kurzer Rast kamen wir zum Höhepunkt des Tages: einer original balinesischen Tanzvorführung im Ubud Palace. Auf nichts hatte ich mich mehr gefreut als diesen Moment zu erleben, bei dem auch vor 130 Jahren die berühmte Mata Hari inspiriert worden war. Die Show startete mit einem bombastischen Gamelan Konzert, grandios gespielt von 20 Musikern. Schillernd gekleidete Tänzerinnen betraten die Bühne und vollführten den Offering Dance. Ihre Blicke waren perfekt einstudiert. Danach schwebte ein uns hypnotisierender roter Dämon mit fratzenhafter Maske über die Tanzfläche. Schließlich hob die Musik noch einmal an und es erschien – SIE! Endlich!

Ihre Augen leuchteten und flirteten. Ein Meer aus Violett und Gold umhüllte ihren Körper. Ein Schwall aus Anmut überwältigte alle Anwesenden. Ihre Präsenz erschreckte. Ihre Augen wurden plötzlich düster und böse und im nächsten Moment flossen sie wieder in süßester Süße, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Völlig verwirrt starrte ich sie an. Immer wieder dieses Spiel aus dämonischem Blick und himmlischem Wohlwollen. Dieser blitzschnelle Übergang ihrer Augen – von einem Extrem ins andere, brachte mich in Ekstase. Da konnte ich ihren Händen gar nicht mehr folgen. Ihre Finger verzerrten sich in alle Richtungen, deuteten in den Himmel und auf die Erde zugleich. Erotik quoll über in ihrem Gesicht. Dieses Rot jenseits ihrer Wimpern. Dieses Violett auf ihren Brüsten, dieses Gold über ihrem Hintern, der im Takt der Musik kreiste. Und dabei sah ich immer gebannt auf ihre Augen. Dieser Flirt war mörderisch. Mehrmals sah sie mir direkt in die Augen. Ich genoss es unendlich. Mich wollte sie sehen, ich wollte sie sehen. Sie verschlang meinen Verstand, ich war ihr völlig ausgeliefert. Ich betete sie in diesem Moment an wie nichts Anderes auf der Welt! Ich wollte sie auf ewig. Ich konnte nicht genug von ihr bekommen. Ich war für sie da, und sie für mich! Die Sekunden und Minuten vergingen und sie waren wie Stunden, Tage, Jahre. Nichts hielt mich davon ab, ihren Anreiz einzusaugen – sie für diesen Augenblick zu lieben, ihre Schönheit zu verzehren. Ich sah die Göttin tanzen – sie tanzte für uns alle. Aber nur für mich war sie wirklich da! Sie war die Perfektion im Ausdruck. So klar und doch so verführerisch. Das Leben wurde mit einem Mal so einfach. Das war es, was ich immer gesucht hatte: Die größte Darstellungskunst, zu der ein Wesen fähig war, hier wurde sie vor mir vollzogen. Die Göttin des Tanzes tanzte für mich und all die Menschheit. Das war Zeremonie – das war Bali! Das war Mata Hari! – aber viel besser! Da tanzte kein Mensch! Sie war eine Fata Morgana und sie wollte die Vision immer wieder zum Leben erwecken, mit allen ihren Mitteln. Und es ist ihr gelungen. Was geschieht hier auf der Welt eigentlich? Wurden alle verführt? Ich fühlte mich auf der Schwelle zum Göttlichen, wir waren alle vereint! - Magisch.

© Gunny Catell