Es war einmal.....

Im Winter 1993, mein Mann und ich waren seit nun 26 Jahren verheiratet und hatten eine 25-jährige Tochter, saß meine Schwiegermama und ich im Dachgeschoß unseres Hauses. Advent. Es war schon dämmrig und leise viel der erste Schnee.

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste mein Mann noch immer nicht, wer sein Vater sei. Wenn er als Kind danach fragte, hieß es immer nur: im Krieg gefallen!

Aber heute passt alles, die Stimmung und alles drum herum, heute frage ich endlich einmal, dachte ich mir.

„Schatzi, (so nannte ich immer meine Schweigermama) du gehst jetzt auf den 80er zu und dein Sohn kennt noch immer seinen Vater nicht. Es bedrückt ihn schon viele Jahre, nicht zu wissen von wem er abstammt.

Stille. Lange war es ganz still. Oje, dachte ich mir, wird wieder nichts…..Doch dann erzählte sie:

Sie habe sich 1943 in einen italienischen Kriegsgefangenen verliebt und wurde 1945 von diesem schwanger. Kurz vor der Geburt musste dieser zurück nach Italien.

Sie hatte noch ein Foto und Briefe, in dem er fragte, wie es seinem Sohn Franz gehe……. 2 Jahre lang hatten sie sich geschrieben. Doch dann kamen keine Briefe mehr. So zog sie ihre beiden Buben allein in den Nachkriegsjahren, groß. Viele Jahre vergingen…..

Meinen Mann war es recht, dass ich seinen Vater suchen wollte.

Also begann ich anzurufen, bei allen möglichen Stellen, die mir einfielen. Beim Roten Kreuz hatte ich dann Glück.

Es vergingen 2 Jahre. Eines Tages lag in unserer Post ein Brief. Absender: Pater.. vom Kloster…ein Pfarrer dachte ich, daher nie mehr etwas von ihm gehört! Eine kleine Karte lag im Kuvert: er sei erschüttert, beschämt und……

Nun begann ein eifriger Briefwechsel, erst in seiner Muttersprache, später dann in deutsch, ging ganz gut (war als Gefangener in der Schreibstube tätig gewesen) aber die Absenderadresse war eine andere.

Er war kein Pfarrer, es war die Adresse seines Beichtvaters. Als das Rote Kreuz ihn angeschrieben hatte und ihm von seinem österr. Sohn mitgeteilt hat, wusste er nicht, ob er sich melden sollte oder nicht. Also ging er zu seinem Beichtvater, der ihm riet, sich auf jeden Fall zu melden. Er sei verheiratet, schrieb er, habe einen Sohn und eine Tochter und sechs Enkelkinder. Der schönste Satz von ihm bleibt mir immer in Erinnerung:

Er habe immer geglaubt er sei ein kleiner unbedeutender Mann, aber er habe sich geirrt, denn wer hat schon eine Familie in Österreich und eine in Italien?

Wir begannen regelmäßig zu telefonieren und im Sommer 1995 wagten wir unseren ersten Besuch nach Italien. Nach fast 50 Jahren wurde mein Mann das erste Mal von seinem Vater umarmt !

Als mein Schwiegerpapa zum 50.Geburtstag meines Mannes zu uns kam, gab es ein Wiedersehen zw. beiden Elternteile.

Wir telefonieren, wir sehen uns jedes Jahr, die Halbgeschwister kommen uns besuchen…. Ich habe eine neue Schwiegermama, Schwager und Schwägerin , vier Nichten und zwei Neffen….. was will man mehr. So hat sich unsere Familie vergrößert!!!!!

Und immer wenn ich Vater treffe bedankt er sich bei mir!!

© Häsin