Momenterl #1 - Flughafen

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Momenterl #1 - Flughafen | story.one

Ich habe mein Käsebrot im Flugzeug vergessen. Sehnsüchtig denke ich an das plastikbewehrte Päckchen, das vielleicht immer noch in dem Netz auf der Rückseite des Sitzes klemmt, hinter dem ich vorhin gesessen habe. Als Ersatz habe ich mir ein gelbes Päckchen TUC aus der Auslage des kleinen Cafés auf der einen Seite der Ankunftshalle ausgesucht. Die Kekse sind verstörenderweise mit einer orangefarbenen Masse gefüllt, von der die Verpackung behauptet, es handle sich um gebratenen Speck. Bis auf uns und zwei, drei andere Reisende bewegt sich niemand in der Halle; an der Längsseite reihen sich Theken mit den bunten Logos und Schriftzügen diverser Autoverleihagenturen aneinander. Manchmal wechseln die Mitarbeiter darin ein gelangweiltes Wort miteinander, ansonsten ist alles still wie in einem Museum, nur weniger andächtig.

Entgegen aller vor vier Monaten im Reisebüro prognostizierten Wahrscheinlichkeiten landete unser Flug pünktlich und auch die Gepäcksstücke liefen prompt vom Band. Und so sitzen wir nun auf Plastikstühlen in dieser tristen Ankunftshalle und müssen auf unseren Mietwagen warten. Der Kaffee, der in einem kleinen Pappbecher vor mir dampft, ist in Ordnung. Heute ist der erste Montag im September, und so bin ich trotz allem recht einverstanden mit der Welt.

Einen halben Kontinent entfernt hatte der Wecker um halb sechs Uhr Früh geklingelt. Ausnahmsweise machte ich mir nichts draus, noch vor dem Morgengrauen aufzustehen - dieser Tag war der Auftakt einer langen Reise! Als die Tür hinter uns zu fiel, war es draußen dunkel. Der Krach, den unsere Koffer verursachten, während wir sie die Straße entlang zogen, breitete sich über dem feuchten Asphalt aus und schepperte zwischen den Häusern. In München lief der Regen an der äußeren Scheibe des ovalen Gucklochs entlang, durch das ich zwei Stunden lang auf die Tragfläche lugte, wann immer ich Lust hatte. Wir durchstießen das Schlechtwetter und schlitterten in unserem Flugzeug unter dem gleißenden Auge der Sonne über die weiße Wolkendecke wie ein silberner Wasserläufer. Die Sonne schaute zu, als wir landeten. Ich versuchte, durch die Doppelverglasung die Wärme zu spüren, die draußen über den Landebahnen flirrte.

Anstatt mich weiter über meine ungenießbaren TUCs und die Abwesenheit des Mietwagens zu ärgern, packe ich meine Sommergarderobe aus dem Rucksack und verschwinde in den sehr geräumigen Aseos. Mit meinen nun nackten Beinen kommt mir die klimatisierte Luft fast ein bisschen kühl vor, aber ich wärme mich an dem Gedanken an die vor Hitze bebende Luft, die draußen wartet. Bevor ich die Türe öffnen kann, fange ich Blicke aus drei kleinen Gesichtern auf, die mich von einer Platte anstarren, die auf einem hüfthohen Ständer befestigt ist. Das Grüne lacht, das Orange blickt verdrossen, das Rote tief betrübt. Man will von mir wissen, wie ich mit meinem Aufenthalt zufrieden war. Ich versenke das lachende Gesicht in der Platte, und kehre zu meinem Kaffee zurück.

© Hanna_Schreibt 11.10.2019