Nesthäkchen

“In diesem Bett hab ich zuletzt geschlafen, als ich noch keine Brüste hatte”, tippe ich in mein Handy und sende die Nachricht an meinen Freund. Dann strecke ich mich auf dem altbekannten Bett aus und verstecke die Nase unter der Decke. Die Matratze ist schmal und verbraucht, stellenweise drückt mir der Lattenrost darunter ins Kreuz. Die Decke ist kürzer, als sie sein sollte. Das Bett neben meinem ist leer.

Zeiten kommen mir in den Sinn, in denen zwischen den Betten, da, wo die Bettrahmen aneinanderstoßen, Oma lag, um meiner Schwester und mir Geschichten vorzulesen. In diesem Bett haben wir herausgefunden, welche von uns besser so tun konnte, als würde sie weinen. Schiedsgericht hielt Oma, die mit einer besorgten Reaktion auf eine Seite hin die Siegerin kürte. Es kam mir bis gerade eben nicht in den Sinn, dass sie unser Spiel durchschaut haben könnte.

Ich sage Zeiten kommen mir in den Sinn; es trifft die Sache viel eher, wenn ich es so sage: Die Zeiten legen sich wie ein Schleier über den Moment, in dem ich mich gerade befinde. Die Wand ist fliederfarben gestrichen. Ich sehe darüber, dahinter, früher, die vertraute Rauhfasertapete mit den Streifen, beige und braun. Hinter der Tür harren die drei wuchtigen Sofakissen geduldig aus, bis die nächste Burg aus ihnen wird. Unsere Sachen liegen aufgeräumt in den Schubladen des Kastens an der Wand gegenüber, Kinderhemden, Kinderhosen, Kindersocken. Ich kann die Sorgfalt, mit der sie zusammengelegt wurden, schmecken, ohne mich daran zu erinnern, wie die Teile selbst aussahen oder woraus sie bestanden. Sommer- und Wintergarderobe liegt dort, übereinander gestapelt im Lauf der Zeit.

Jetzt beheimatet das Regal Pullover, die Opa selten anzieht, und Ordner voll mit Reiseunterlagen längst absolvierter Pensionistenverbandsreisen. Ich habe nachgesehen, vorhin, als mir einfiel, dass das dort immer unser Kleiderkasten war. Überhaupt habe ich alle Laden geöffnet und in sämtliche Kästen geschaut, seitdem ich das Haus betreten habe. Erst vor neun Tagen war ich zuletzt da, da wäre es mir nie eingefallen, so neugierig zu sein. Jetzt ist es die einzige Möglichkeit, überhaupt Kontakt aufzunehmen. Opa liegt im Krankenhaus und bewegt sich nicht.

Das ganze Haus riecht vertraut, wie ein großes Nest. Es ist lange nur mehr halb voll gewesen, aber das war voll genug. Opas Jacken hängen in der Garderobe an ihren Haken. Neben dem Telefon liegt sein Schlüsselbund auf einem an ihn adressierten Kuvert. Eine große Schachtel mit Medikamenten steht auf dem langen Esstisch, der Kühlschrank ist voll. Draußen färben sich die Johannesbeeren rot in der Sommersonne. Die Erdbeeren, die er sich heuer angesetzt hat, stehen in ihren Kisten gut geschützt auf dem Holzstapel vor den Kellerfenstern und wachsen.

Da geht mehr als ein Leben zu Ende, so fühlt sich das an, jetzt, wo mein Opa im Krankenhaus liegt. Eine ganze Welt versinkt , das alte Nest wird zu einem Geisterhaus.

© Hanna_Schreibt