Macht die Teekanne berühmt?

Als ich zum ersten Mal im Gasthof Kamml in Siezenheim bei Salzburg zum Frühstück kam und um schwarzen Tee statt Kaffee bat, brachte mir die Frühstückskellnerin eine bis an den Rand mit Wasser gefüllte Tasse und einen verschweißten Teebeutel.

„Wenn ich diesen Beutel in dieses Häferl hänge, haut es mich aus den Patschen“, verschönerte ich verbal meine Vermutung, dass die junge Dame, deren offene Heiterkeit ansteckend war, wohl selten Tee zum Frühstück serviert. „Hätten Sie vielleicht eine Kanne für mich?“

„Moment.“ Sie verschwand und tauchte wenig später mit einem kleinen, bauchigen, bunt geblümten Behältnis auf, das wie aus Großmutters Porzellanservice stibitzt aussah – oder aus dem Puppenhaus einer Riesenprinzessin. Schwungvoll stellte sie mir es auf einem Tablett samt frischer Tasse hin und sagte: „Das ist unsere letzte Kanne. Die anderen sind alle irgendwann kaputtgegangen.“ Die Kellnerin lachte hell und fügte hinzu: „Also gut darauf aufpassen.“

Seither begrüßt mich Frau Marleen bei jedem meiner Aufenthalte mit einem Lächeln – und mit „meiner“ Teekanne, die bereits zum Servieren bereit steht. Es ist ein Stück Vertrautheit, das aus einem Platz zum Schlafen, wie es in und um Salzburg Hunderte gibt, einen Ort des freudigen Ankommens, glücklichen Verweilens und dankbaren Abschieds werden lässt.

Ein paar Monate später brachte ich die Episode zu Papier und ließ sie Frau Marleen zukommen. „Bin ich jetzt berühmt?“, fragte sie daraufhin per Mail.

„Weil ich es nicht bin, wird es für Sie auch knapp nicht reichen“, fiel meine Antwort wenig ermutigend aus.

„Ihre Teekanne wartet bei uns trotzdem wieder auf Sie“, kam es heiter zurück.

Wer weiß, vielleicht wird aus mir irgendwann doch ein berühmter Schriftsteller. Jedenfalls werde ich versuchen, bis dahin durchzuhalten. Mindestens so lange wie meine Teekanne beim Kamml.

© Hannes Glanz