Zwei in der Fledermaus

Ein Kosmetikstudio in Graz am 2. Jänner. Julia, die junge Angestellte, das blondierte Haar kunstvoll hochgesteckt und die langen Fingernägel kunstvoll designt, empfängt den Pensionisten Karl, einen Stammkunden, zur Maniküre. Nach den Neujahrswünschen nimmt das Gespräch der beiden rasch den für das Datum üblichen Gang.

K: „Wie haben Sie den Silvester heuer verbracht?“

Julia schaut von ihrer Arbeit auf und klimpert mit den designten Wimpern.

J: „Ich war in der Fledermaus.“

K: „Wirklich? Ich auch!“

Karl denkt: Komisch, so junge Leute sehe ich dort normalerweise nicht. Er hat keine Ahnung, dass Julias Gedanken beinahe deckungsgleich sind; einzig das Wort „junge“ wird in ihrem Kopf gegen „alte“ (oder genauer gesagt, „oide“) getauscht.

J: „Wie hat es Ihnen gefallen?“

K: „Naja, am Anfang ganz gut. Der zweite Akt war gewöhnungsbedürftig, aber am Schluss war ich wieder versöhnt. Und Ihnen?“

J: „Ehrlich gesagt, erinnere ich mich nicht mehr so genau. Ich weiß nur noch, dass mir nach einer Stunde schon ziemlich schlecht war.“

K, im Brustton der Überzeugung: „Sooo schlimm war der zweite Akt auch wieder nicht. Okay, den Boxkampf beim Fest des Prinzen fand ich überflüssig.“

J, überrascht: „Die Prinzen sind aufgetreten? Das habe ich gar nicht mehr mitbekommen. Und das Boxen habe ich überhaupt versäumt. Wer hat gewonnen?“

K, zweifelnd: „Sind Sie sicher, dass wir in der gleichen Aufführung waren?“

J: „Ich bin immer in der Fledermaus, aber diesmal war mir nicht nach tanzen. Zu voll.“

Karl erinnert sich an Balletteinlagen in durchaus üblicher Besetzung, doch nach wenigen Sekunden bilden der Operettentitel und seine von den Kindern erworbenen Kenntnisse des Grazer Nachtlebens die einzig logische Verbindung.

K: „Julia, waren Sie zu Silvester am Kaiser-Josef-Platz?“

J: „Nein, viel zu voll.“ Plötzlich strahlt sie Karl an und klimpert fröhlich. „Aber wenn sie dort eine neue Disco aufgemacht haben, schaue ich sie mir sicher bald an!“

Karl bittet seine höhere Macht, das nicht mehr erleben zu müssen, und wechselt das Thema.

K: „Haben Sie schon Urlaubspläne für den Sommer?“

Egal, was Julia darauf antworten wird – er fährt woanders hin.

(Titelbild: Oper Graz)

© Hannes Glanz