Alles außer Kontrolle

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Alles außer Kontrolle | story.one

"Sie werden mich töten, einfach vor ein Auto stoßen, in Rom oder Mailand, und dann war es wie immer ein Unfall! Du hast ja keine Ahnung, wozu sie fähig sind! Ich habe Familie!" Gianluigi Nuzzi, der große italienische Aufdeckerjournalist, hat Angst. Angst vor dem Vatikan!

Diesmal wollte er mich persönlich sprechen, nicht in Italien. Zuletzt hatte ich „Die Vatikan AG“ verlegt und damit viel Staub in den heilige Bilanzen aufgewirbelt. Wenig später dann ein Buch mit einem Kronzeugen der ’Ndrangheta. Und jetzt?

Wir einigten uns auf München, Glockenbachviertel. Ein kurzes „Come stai?“, dann wurde es sehr schnell sachlich. Keine einführenden Worte, keines der üblichen Späßchen des kahlköpfigen Mannes mit den vernarbten Wangen, keine Briefe, Passwörter, Dokumente. Diesmal öffnete er nur seinen Laptop und drückte auf „play".

Diese Stimme erkannte ich auf Anhieb, so wie jeder, der „Fratelli e sorelle, buonasera!“ vom Balkon des Petersdomes gehört hatte. Gianluigi übersetzte flüsternd: Es ging um Betrug, Manipulation, Korruption. Wörtlich sagte der Heilige Vater: „Wir müssen Licht in die Finanzen des Vatikans bringen … gewaltige Geldverschwendung … Wir müssen nicht jede Rechnung zahlen … Personalkosten um dreißig Prozent gestiegen … Da stimmt doch etwas nicht! Ohne zu übertreiben müssen wir sagen, dass ein Gutteil unserer Kosten außer Kontrolle ist.“

Wer hatte die Aufnahme gemacht? Warum wurde sie uns zugespielt? Waren wir nur Marionetten in einem größeren Spiel? Auf welcher Seite standen wir? Wie gewöhnlich stellte ich keine Fragen, ich würde doch keine Antwort erhalten.

5. November 2015: Der Raum in dem gediegenen römischen Hotel ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die internationale Presse hat sich versammelt. Die Buchpräsentation von „Alles muss ans Licht – Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes“. Fragen werden zugelassen, nur nicht nach den Quellen.

Sechs Tage später sind wir in Wien, Heimspiel, auch hier läuft alles vorerst nach Plan. Wir vereinbaren ein Treffen mit einem Journalisten des ORF. Es ist unser letzter Abend, wir sitzen gemütlich in einem Innenstadtlokal, es ist laut, die Stimmung gelöst. Zu später Stunde tausche ich den Platz, lass’ die beiden reden, irgendwann wechselt der Datenstick mit den geheimen Tonbandaufnahmen den Besitzer.

Am nächsten Tag gehen die geheimen Tapes „on air“! Sie werden Aufmacher der österreichischen Fernseh-Hauptnachrichtensendung ZiB1, und plötzlich wirft Gianluigi die Nerven weg. Panisch läuft er vor mir auf und ab. „Ich habe nie einer Veröffentlichung zugestimmt!“ In seinen Augen spiegelt sich die nackte Angst.

Zwölf Tage später wird Gianluigi im Vatikanstaat wegen Hochverrats angeklagt.

Der Prozess endet neun Monate später mit Freispruch.

Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern (Matthäus 10,27)

© Hannes Steiner 27.07.2020