Du hast nur einen Pfeil

Lange hatte ich auf diesen Tag gewartet.

Es war eine weite Anreise nach Genf gewesen. Zuletzt noch die Taxifahrt hinaus zu den Wohnanlagen am hügeligen Stadtrand mit Blick über den Genfer See. Freundlich meldete sich Paulo Coelho über die Gegensprechanlage und wies mir den Weg durch das Labyrinth aus Glastüren, langen Gängen und hunderten von Wohnungstüren.

Im Lift musste ich unwillkürlich an unsere erste Begegnung denken. Die Buchvorstellung unseres gemeinsamen Freundes Abt Burkhard, seine bewegende Rede, das rauschende Fest am St. Josephs-Tag, in den Kellern tief unter der Melker Abtei.

Mein Freund Andreas hatte mir noch mit auf den Weg gegeben, mich gut auf dieses Treffen vorzubereiten, all seine Bücher zu lesen, auf ungewöhnliche Fragen vorbereitet zu sein.

Nun öffnete sich die Türe und Paulo begrüsste mich herzlich. Auf Englisch mit leichtem portugiesischem Akzent gab er mir gleich freundlich zu verstehen, dass er nur wenig Zeit habe. Über eine Wendeltreppe gingen wir in den obersten Stock und trafen am Ende der Stufen auf seine Frau, die gerade an einer Staffelei stand und ein Ölbild malte.

Wir setzen uns und Paulo fragte mich, was mich denn zu ihm geführt habe. Gut vorbereitet begann ich vom meinem damaligen neuen Verlags-Projekt und meiner großen Vision zu erzählen. Ohne eine einzige Zwischenfrage hörte er mir aufmerksam zu und lies mich erzählen. Immer wieder brachte ich neue Argumente, die mein Vorhaben und dessen Durchführbarkeit weiter untermauern sollten, um schliesslich dem "Magier" die alles entscheidende Frage zu stellen. Ich beendete meinen "Vortrag" und war gespannt.

Paulo dachte einen Moment lang nach, um dann ganz ruhig zu sagen: "Das ist eine große Vision, die du hast, aber es wird dir nicht gelingen, die für dein Projekt entscheidenden Menschen zu gewinnen". Dann schwieg er. Und je länger das Schweigen dauerte, desto mehr wurde mir bewusst, dass meine Idee gerade wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel.

Und anstatt mir zu erklären, was das Problem sei, stand er einfach nur auf und ging hinaus auf die Terrasse seiner Apartments. Dort nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher, spannte ihn in den Bogen und nachdem er eine gefühlte Ewigkeit innegehalten hatte, lies er den Pfeil los und traf mitten ins Schwarze.

"Weisst du Hannes, wenn du etwas Großes im Leben vor hast, dann hast du nur einen Pfeil. Suche diesen und das Ziel sorgfältig aus und lasse den Pfeil erst im Moment der maximalen Anspannung fliegen".

Später erzählte mir Paulo aus seinem Leben, schrieb mir zum Abschied in die druckfrische Jubiläumsausgabe des Alchemisten: "Hannes, allways follow your dreams!" und umarmte mich zum Abschied.

Wenig später saß ich in einer Bar mit Blick auf die Pont de la Machine, genoss die Frühlingssonne und dachte über seine Worte nach. Nach der anfänglichen Frustration erfüllte mich eine tiefe Dankbarkeit. Ich hatte gerade ein großes Geschenk erhalten. Eine ehrliche Antwort.

Erst Jahre später war er da. Mein Pfeil.

© Hannes Steiner