Ein Kind der Revolution

Die Hubschrauber kreisen jetzt schon stundenlang über der Stadt. In diesen Herbsttagen quillt Barcelona die Anspannung aus allen Poren. Eine geteilte Stadt, gehüllt in ein Meer aus Fahnen - an Häusern und als leuchtende Umhänge für Revolutionäre.

Die Unabhängigkeitsbewegung wirkt friedlich, aber es war in der Vergangenheit schon zu schweren Zusammenstößen gekommen. Wir meiden mit unserem Vierjährigen öffentlichen Plätze. Hören Nachrichten. Immer wieder gibt es aus dem Nichts Demos und Polizeieinsätze. Wird man es tatsächlich wagen, die Unabhängigkeit zu erklären, trotz aller Drohungen aus Madrid?

Nachmittags haben wir genug von Sonne, Meer und dem hektischen Strandleben, wollen dem Lärm entfliehen. Gibt es in der Nähe nicht diesen idyllischen Park mit Seerosenteich und Ruderbooten? Auf der Höhe des olympischen Yachthafens winken wir einem Taxi. Am Steuer sitzt eine 70jährige Spanierin mit gefurchter goldbrauner Haut und gelbweißen Haaren. Ruhig und freundlich heißt sie uns willkommen. Wir erklären unser Ziel. Plötzlich ändert sich ihre Stimmung, und während wir schon losfahren erreicht uns ein nichtendender Schwall an unverständlichem Katalan. Und warum fahren wir einen Umweg, die Straßen sind doch alle leer und der Park nur ums Eck?

Unvermittelt treffen wir auf eine Straßensperre. Das Taxi kommt nicht mehr weiter. Geruch von Massen, Sprechchöre. Rote Rauchbomben vernebeln die Sicht. Die Taxifahrerin hat sich bezahlen lassen und schnell gewendet. Was sollen wir jetzt tun? Ich mache mir Vorwürfe. Das ist kein Ort für ein kleines Kind!

Aus "unserem" Park kommt gerade in hastigen Schritten ein Mitglied der Separatistenregierung, den wir Stunden zuvor noch im Fernsehen gesehen hatten. Applaus brandet auf. Schnelle Umarmungen mit Passanten. Wir sind Mitten im Herz der Revolution. Genau hier wurde soeben die Unabhängige Republik Katalonien ausgerufen!

Gerade als wir den historischen Boden verlassen wollen, entspannt sich die Stimmung, das Kämpferische weicht aus den Gesichtern. Ein Gefühl von Freiheit durchströmt die breite Pappelallee. Bauern fahren mit ihren Traktoren hupend und jubelnd durch die Straßen. Aus der Revolution wird ein Volksfest. Menschen tanzen. Lieder werden gesungen. Unser Sohn freut sich mit, läuft lachend durch die Straßen und macht das "Victory-Zeichen. Eine junge Katalanin hängt ihm noch schnell eine Fahne um den Hals.

Als sich die Massen langsam in Bewegung setzen, ziehen wir mit ihnen Richtung gotisches Viertel. Sternförmig strömen immer mehr Menschen hinzu, bis die Stadt völlig zum Erliegen kommt.

Nicht viel später überschlagen sich die Ereignisse. Die Unabhängigkeit ist bereits von der Zentralregierung per Dekret aufgehoben, die Regierung entlassen, alle abtrünnigen Politiker angeklagt. Das interessiert in diesem Moment hier nur niemanden. Zu schön ist die Nacht, zu lange hat man auf diesen kurzen Moment der Freiheit gewartet.

© Hannes Steiner