Wir sehen uns in Tibet

Die meisten von mir verlegten Bücher waren immer persönlichen Interessen entsprungen und ich machte mich auf die Suche nach passenden Autoren: "Europa" ... Hugo Portisch, "Genetik" ... Markus Hengstschläger, "Die Abgründe der Menschheit" ... Thomas Müller, "Klimawandel" ... Helga Kramp-Kolb, "Der Kampf für eine gerechtere Welt" ... Corinna Milborn.

Diesmal war es anders. Ich bekam von einem Agenten ein Manuskript in einem Umschlag, nur wenige Seiten, eigentlich viel zu kurz für ein richtiges Buch, noch dazu ein Interview. Viele große Verlage hatten bereits eine Veröffentlichung abgelehnt, sagte man mir.

Aber, es war vom DALAI LAMA.

Als Kind hatte ich das Buch "Sieben Jahre in Tibet" von Heinrich Harrer verschlungen, von Lhasa geträumt, später den Hollywood-Film gesehen. Ein Khama, ein weißer Begrüßungsschal des Dalai Lama, hing in meinem Zimmer - eine Freundin hatte ihn mir geschenkt.

Ich ließ alles liegen und stehen, sagte Termine ab und begann zu lesen, in einem durch. Das, was auf diesen wenigen Seiten geschrieben stand, war eine echte Sensation. Niemand anderer als der buddhistische Mönch Tenzin Gyatso, besser bekannt als seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, ein Religionsführer, ein "lebender Gott, sagte hier, dass Ethik wichtiger als Religion sei. Wie viele sinnlose Kriege wurden im Namen der Religionen geführt, wie viele Menschen starben in einer heiligen Mission. Diese Botschaft musste veröffentlicht werden und zwar möglichst schnell, in allen Sprachen, weltweit und zwar noch rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag.

Zum langen Nachdenken war keine Zeit, wir hatten bereits Frühling, der Geburtstag im Juli, ich musste schnell handeln. Bauchgefühl war gefragt. Ich entschloss mich, das Buch zuerst einmal nur auf Deutsch auf den Markt zu bringen. Zeitgleich wollte ich es aber schon digital in allen wichtigen Weltsprachen kostenlos verfügbar machen: Englisch, Chinesisch, Russisch, Arabisch, Spanisch und Französisch. Jeder sollte diesen wichtigen Appell lesen können.

Wenige Wochen später war das Buch bereits auf dem Markt, aber das Interesse der Buchhändler und Medien war eher verhalten. Aber irgendeine Kraft steckte in diesem Buch, die Botschaft schien einen Nerv direkt bei den Menschen zu treffen. Nach nur 2 Wochen bekamen wir einen Anruf: das Buch hatte es unter die Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Riesen Freude! Und Woche für Woche kletterte es weiter nach oben, unaufhaltsam bis es 10 Tage nach dem Geburtstag des Dalai Lama auf Platz 1 landetete - mein lang gehegter Traum ging in Erfüllung.

Gerührt lese ich heute die Zeilen, die der Dalai Lama an das gesamte Team richtete: "Ich habe mich sehr über den Erfolg unseres Büchleins gefreut und lasse allen Beteiligten einen besonderen Dank ausrichten. Ich wünsche, dass es die Welt besser machen möge und dass wir daran noch lange weiterarbeiten werden. Ich lade alle zur Feier meines 90. Geburtstags schon jetzt ein, natürlich nach Tibet."

© Hannes Steiner