Coppolas Fahne

Renate arbeitete im Star-Kino in der Wiener Burggasse, und wenn ich mir dort einen Film ansah, sah ich sie auch. Wir kannten uns aus der WG in Floridsdorf, wo sie mit meinem Mitbewohner aus Venezuela eine Zeitlang liiert war. Im Star-Kino erzählte sie, dass sie gerne zum Filmfestival nach Cannes fahren würde. Diesmal war es das dreißigste, ein Jubiläum, es sollte eine große Show werden. Da ich freie Zeit hatte, schlug ich vor, mit meinem Auto hinzufahren. Ein paar Tage darauf waren wir unterwegs zur Côte d'Azur.

In Cannes nahmen wir ein Zimmer in einer Pension am Stadtrand. Bald schon wohnten wir auf einem englischen Katamaran, der direkt vor dem Hotel Carlton lag. Renate hatte Dave, einen bärtigen Engländer kennengelernt, der allein auf dem großen Boot war und uns anbot, dort gratis zu logieren. Das Schiff hatte vier Zimmer mit Dusche und WC sowie einen Salon von fünfzig Quadratmetern.

Der Mai war schön und heiss. Wir lagen viel im Sand und gingen schwimmen. Karten für Filmvorführungen hatten wir nicht. Knapp über dem Wasser flog jeden Tag mehrmals eine kleine Cessna den Strand entlang und zog eine flatternde Fahne nach, auf der geschrieben stand: „Apokalypse Now Shooting!“ Doppelter Sinn der Worte?

Die 21-jährige Renate ging als eine jüngere Schwester der Bardot durch. Sie besaß lange blonde Locken, volle Lippen und sah der berühmten Schauspielerin ähnlich. Wenn wir auf der Promenade spazieren gingen, zog sie alle Blicke auf sich. Sie lernte Leute aus dem Freundeskreis um Roman Polanski kennen, und wir saßen oft auf der Terrasse des Carlton mit diesen Leuten zusammen. Ein Thema war auch Polanski, der dieses Jahr nicht nach Cannes kam. Zwei Wochen zuvor war er aus den USA, wo man ihn kurz inhaftiert hatte, nach Paris geflüchtet und abgetaucht.

Verrückte Leute gab es zur Genüge auf der Croisette. Möchtegern-Starlets zogen sich am Strand aus und wurden von Dutzenden Photographen umschwirrt. Auf der Hoteltreppe des Carlton begegnete man diesem oder jenem Filmstar. In einem der Straßencafes saß Geraldine Chaplin zwei kleine Tische neben uns. Ich war von ihrer rauen Schönheit beeindruckt.

Segeln mit Dave war eine Erholung vom Trubel rund um das Festival. Ich lag im Netz zwischen den Rümpfen des Katamarans, wenn wir zu einer der vorgelagerten Insel kreuzten. Gegen Ende des Festivals wollte Renate nicht nach Wien zurückfahren, sondern mit einigen Leuten nach Amerika fliegen. Letztlich war es der Neffe von Francis Ford Coppola, der sie einlud, in einer Privatmaschine mit nach Hollywood zu kommen. Der Neffe hieß Nicolas Cage und war ein Angeber, der Schauspieler werden wollte.

Wir saßen in einem Straßencafe und führten unser letztes Gespräch. Natürlich würde sie mitfliegen: Hollywood! Diese Chance hatte man nur einmal im Leben. Man wollte eine neue Bardot aus ihr machen. Unsere Affaire war vorüber. Ich sah wieder die weiße Cessna, die über die Croisette flog, mit Coppolas Fahne und der Aufschrift: „Apocalypse Now Shooting!“

© Hannes Stuber