Das einhundertste Skirennen

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Das einhundertste Skirennen | story.one

Am frühen Morgen auf der weiß glänzenden Skipiste über Millionen Schneekristalle zu gleiten, die in der Sonne funkeln wie kleine Diamanten, ist eines der schönsten Dinge auf unserem Planeten. Der Kopf ist leer, die Lunge voll frischer Luft, das Herz pumpt kräftig, der Körper schwimmt in Glückshormonen. Beim Skifahren verschwinden alle grüblerischen Gedanken. Man konzentriert sich allein auf die Piste, das Gleichgewicht und spielt mit der Zentrifugalkraft, die einen in die Kurve legt.

Es hätte heuer am Palmsonntag stattgefunden, auf der Reiteralm bei Schladming: mein 100. Skirennen. Hätte, sollen, wäre, würde ...

Das Rennen wurde abgesagt. Alle Skipisten sind seit drei Wochen gesperrt - aus großer Angst vor einem winzigen Virus. Und ich hatte mich so auf das heurige Finale gefreut! Seit acht Jahren fahre ich Rennen im Rahmen des ÖSV, für den Wiener Masters Cup, welcher mit den Dreißigjährigen beginnt und wo die Ergebnisse nach Altersklassen bewertet werden. Ich starte in der Klasse der Post-Sechziger.

Zum Ende der letzten Saison fuhren wir einen Super-G auf der Reiteralm, an dem auch der Öblarner Klaus Kröll teil nahm. Vor einigen Jahren war er Sieger des Abfahrt-Weltcups gewesen und damit schnellster Skifahrer der Welt. Nun hatte er seine Karriere zwar beendet, aber sein Rennfahrerherz konnte es nicht lassen: Das Kraftpaket Kröll war wieder dabei. Er ist um 26 Jahre jünger als ich, also nicht in meiner Altersklasse, und war in diesem Super-G um elf Sekunden schneller. Nun wusste ich, wo ich stand. Eh nicht übel, dachte ich, wenn man bedenkt, dass ich sommers keinen Sport betreibe und auch kein Muskelpaket bin.

Außerdem war ich, aufgewachsen im Flachland, seit den Skikursen der Schulzeit nicht auf Ski gestanden. Ich musste es erst lernen, und das tat ich mit 47 Jahren. Anfangs blieb ich nach jeder Schrägfahrt stehen, legte die Ski um, fuhr wieder schräg zum Hang, und nächster Stop. Danach habe ich mir den Stemmschwung beigebracht; all die Mühe, weil ich wollte, dass meine neunjährige Tochter, als gelernte Österreicherin, schifoan können sollte. Nach drei Winter hatte sie genug von Ski und Schnee, ich aber Lunte gerochen. Und ging jedes Jahr für ein paar Tage Skifahren. Nach neun Wintern fuhr ich erstmals gegen Stangen, Rennen und Training; Freunde hatten mich mitgeschleppt.

Es gibt nur wenige Menschen meines Alters, die gewillt sind, sich dem Stress eines Rennens auszusetzen und über aalglatte Pisten zwischen Torstangen hindurch zu rasen. Wir sind meistens dieselben fünfzig bis achtzig Leute, zwischen 30 und 81 Jahre alt, wenige Damen nur. Vorletztes Jahr kippte einer in meinem Alter um, nach dem Rennen am Feistritzsattel, das er gewonnen hatte, und verstarb. Herzinfarkt. Hatte sich zuviel angestrengt. Er hatte oft alles in seiner Klasse gewonnen.

Also leider kein Start heuer am Palmsonntag. Jammerschade! Mein 100. Skirennen wird erst kommenden Winter stattfinden können. Verdammt oft noch schlafen bis dahin.

© Hannes Stuber 05.04.2020