Das Lied vom traurigen Sonntag

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Das Lied vom traurigen Sonntag | story.one

Mutter brachte uns oft mit dem Fahrrad zum Kindergarten, einer saß vorne auf der Lenkstange und einer hinten am Gepäckträger. Der Kleinste musste zuhause im Gitterbett warten. Kindersitze gab es in den Fünfziger Jahren noch nicht. Ich saß meistens hinten, weil ich als Großer auf die Radspeichen achten konnte, in die man mit den Schuhen geriet, wenn man die Beine nicht genug abspreizte - und das tat höllisch weh.

Mit Fünf wollte ich Bohnen nicht brav aufessen, weigerte mich standhaft und bekam daraufhin vom Vater eine kräftige Ohrfeige, deren Wucht mich vom Stuhl fegte. Still rappelte ich mich auf und würgte die erkalteten grausigen Fisolen bis auf die letzte hinunter. Die Erinnerung an diese "Fisolenwatschen" wurde zu einem jahrelang erfolgreich verwendeten Droh- und Druckmittel, wenn ich mich wieder einmal weigerte, irgend etwas aufzuessen.

In die Volksschule gehen, das wollte ich mit Sechs überhaupt nicht. Nach einer Woche in der Dorfschule wurde ich folgerichtig krank, bekam Scharlach und durfte bis Weihnachten zuhause bleiben. Mutter lehrte mich das Lesen, Schreiben, das Alphabet und das Kleine Einmaleins. Die Volksschule liebte ich nicht. Der Lehrer schlug mir mit dem Bambusstab auf die Fingerspitzen, die ich ihm entgegen halten musste, wenn ich etwa Tinte aus dem kleinen Fass verschüttet oder irgendwas fallen gelassen hatte. Der Dorflehrer war im Krieg am Kopf verletzt worden. Nun jagte er gerne, ein begeisterter Jäger vor dem Herrn, und erschoss eines Tages unseren rotbraunen Dackel, als dieser sich zweihundert Meter vom Haus entfernt hatte.

Der Vater kaufte sein erstes Auto. Kaum hatte er den Wagen, verließ er die Familie und zog zu einer Frau nach Wien. In der Wohnküche stellte er die Söhne der Größe nach vor sich auf und fragte, wer mit ihm in die Stadt ziehen wollte. Ich konnte nicht antworten, ein aufsteigendes Greinen würgte meinen Hals. Ich war sieben. Die beiden Kleinen wollten bei Mama im Haus bleiben, sie waren fünf und drei Jahre alt. Die Eltern hatten ein Haus am Dorfende gebaut, ein Flecken, der Batschka-Siedlung genannt wurde, weil sich hier einige Familien donauschwäbischer Kriegsflüchtlinge angesiedelt hatten. Die Dörfler nannten die Zugezogenen Zigeuner und sahen auf sie herab.

Mutter musste sehr viel arbeiteten, damit alles am Laufen blieb, sie hatte wenig Zeit für die drei Buben. Der abwesende Vater, der nicht zu Besuch kam - weder zu Geburtstagen, Weihnachten oder in den Ferien -, wurde zu einem Phantom, das wir langsam vergaßen. Nachdem er ausgezogen war, klaffte ein Loch in der Familie, ein fühlbares Vakuum, über das nie gesprochen wurde. Psychologie existierte damals nicht in der Provinz: Kinder verstanden ja nichts. Jeden Sonntag aßen wir vier schweigsam zu Abend, bei feierlichem Kerzenlicht, selbst wenn es nur Würstel mit Senf waren. Wir wussten: Sonntag war der einzige Tag gewesen, wo der Vater immer am Familientisch gesessen war. Nun saß stumm und spürbar das Vakuum zwischen uns.

© Hannes Stuber