Kriegsflüchtlingenschicksal

Im August, drei Monate nach Kriegsende, hieß es, die Volksdeutschen könnten in ihre Heimat in der Batschka zurückkehren. Von der russischen Verwaltung bekamen sie viersprachige Dokumente, welche die Heimkehr sichern sollten. Die Familie Annas, meiner Großmutter, mit fünf Töchtern und einem Sohn, fuhr wie Tausende andere mit dem Zug von Wien nach Budapest und zur jugoslawischen Grenze. Genosse Tito ließ die Nachfahren jener Pioniere, die seine Donausümpfe urbar gemacht hatten, jedoch nicht in ihre Heimat zurückkehren. An der Grenze mussten alle aus dem Zug steigen. Die Dokumente der Besatzungsmächte waren nichts wert. Abertausende Heimkehrer waren getäuscht worden.

Die entwurzelten Dörfler wurden in ein Lager in Kiskunhales gebracht. Sepp, Annas einziger Sohn, arbeitete für das Krankenhaus und brachte seiner Familie immer Milch und andere Lebensmittel mit. Von Jakob, dem Vater gab es weiterhin keine Nachricht. Sie wussten nicht, ob er tot war oder lebte. Im Februar war er eingezogen und an die Ostfront geschickt worden.

Im September wurden die donauschwäbischen Familien nach Kecskemet gebracht. Als sie aus dem Zug stiegen, wurden sie von ungarischen Juden beraubt. Man riss den Frauen, die in alter schwäbischer Tradition mehrere Röcke übereinander trugen, diese vom Leib, trieb die Leute in eine aufgelassene Ziegelfabrik. Jeweils fünfzig Menschen kauerten in einem Loch des Gebäudes auf dem Boden, in kalten feuchten Kammern, wo man früher Ziegel gelagert hatte.

Der Herbst kam, die Ersten wurden krank. Der Krieg war seit Monaten zu Ende, aber man hielt die Zivilisten in Todeslagern. Das einzige Nahrungsmittel, das sie bekamen, war eine dünne Suppe, auf der kein einziges Fettauge zu sehen war. Die kleinen Kinder schrien und schrien, dass es in den Ohren schmerzte, und wenn eines nicht mehr schrie, wusste man, dass es gestorben war. Als nächstes starben die Alten weg, die niemanden hatten, der ihnen von draußen Lebensmittel ins Lager schmuggelte, wie Sepp es tat. Nun hatte er schwere Waldarbeit zu leisten, und wie viele Männer sparte er sich einiges vom Mund ab und oder sammelte es von mitfühlenden Ungarn und warf nachts Essbares über die Mauer in das Lager. Den Wachen fiel auf, dass manche Familien gut genährt aussahen und nicht so rasch abmagerten, sie kontrollierten nun besser. Sepp wurde an der Mauer geschnappt. Man warf ihn für zwei Tage und Nächte in ein vier Meter tiefes Erdloch, ohne Decken. Es war Oktober.

Das tödliche Grauen ging um, die Tage waren eiskalt. Es gab fiebrige Mütter, die keinen Tropfen Milch mehr für ihre Kinder hatten. Alte Männer, die von den Läusen gefressen wurden, weil sie wegen der Kälte seit Monaten nicht die Mäntel ablegen konnten. In diesem mörderischen Lager, ohne Waschmöglichkeiten und ohne hygienische Pflege, verharrten die gepeinigten Familien vier Monate lang. Im Dezember wurde das Lager geschlossen. Man schickte jene, die nicht verhungert waren, mit dem Zug zurück nach Wien.

© Hannes Stuber