Dein Wetter nimmst du immer mit dir

Mitte Februar nahm ich am frühen Morgen ein Taxi zum Flugplatz. Die Straßen waren stark verschneit. Eisiges Wetter, minus zwanzig Grad. „Für mich endet der Winter heute“, sagte ich zum Taxifahrer.

Abflug. Umgestiegen in Frankfurt und Nassau. Nach etwa zwanzig Stunden landete ich in San Jose. Schönes Wetter, plus zwanzig Grad. Eine Bekannte schickte mir Helmut, einen in der Stadt lebenden Österreicher, der mich ins Hotel La Amistad lotste. Wir gingen noch ein Bier trinken ins Tico, sein Stammbeisl. Er lebte seit neun Jahren in San Jose. Eigentlich war er nur für einen Urlaub gekommen - und nie wieder zurückgekehrt. Seine Wiener Firma ließ er vom Anwalt auflösen. Hier hatte er nun zwei Kinder mit seiner Frau.

Die nächsten Tage besuchte ich ihn in seiner Werkstatt Maquirep, dann fuhr ich nach Puntarenas. Einheimische belagerten den verschmutzten Strand. Die Fähre zur Halbinsel Nicoya. Den Bus in die Pampa, über eine lange staubige Schotterpiste nach Montezuma. Ich nahm in einem kleinen Hotel ein einfaches Zimmer. Zwei elektrische Drähte führten zum Duschkopf. Im stickigen Raum stand die Luft still, trotz Ventilator.

In einem Gartenrestaurant schreckten mich die vor einer Videoleinwand versammelten jungen Leute. Montezuma hatte sich selbst überholt, war ein überlaufener Geheimtipp geworden: wie so viele Orte. Schade. Der Strand war schön, der Wellengang herrlich. Papageien, Tukane, Brüllaffen, Schimpansen, Geckos rundherum. Nur die vielen Amerikaner und Europäer störten.

Auf der Terrasse des größten Hotels kam ich mit Frank aus West Virginia ins Gespräch, der zweimal in den Krieg nach Vietnam gezogen war. Durch ihn stieß zu einer Männerrunde, die jeden Abend auf der Terrasse hockte, mit vielen Geschichten, Witzen und Bier. John aus Florida, der seit Jahren nach Montezuma kam. Der Kanadier Fred aus Edmonton, der Deutsch sprach. Stefan aus Köln. Hans aus Bayern. International Ed. Ein Kanadier mit polnischen Vorfahren.

Nach einigen Tagen fuhr ich zurück in der Hauptstadt und an die karibische Küste nach Puerto Viejo. Ein Zimmer im Pura Vida. Neben dem Bett lagen auf der Kommode, wie immer und in jedem Zimmer, zwei Fotos meiner Tochter, die ich mitgenommen hatte. Auf einem saß sie im Schaukelstuhl, keine zwei Jahre alt. Ich lebte mit diesen beiden Bildern und sah sie oft an.

Emotional war ich am Nullpunkt. Ich saß am Strand unter den Palmen, blickte auf das türkise Meer hinaus und weinte. Da saß ich im Paradies und war todtraurig!: Wegen Frau und Kind, die ich vor kurzem durch die Trennung quasi verloren hatte. Ich setzte die Sonnenbrille auf, damit keiner sah, dass ich plärrte.

Es war nichts zu machen. Es half alles nichts. Die Reise hatte mich nicht abgelenkt. Ein Rückwärtstrend erfasste mich. Ich fuhr nach San Jose. Saß wieder bei Helmut in der Werkstatt. Aß im Tico, schaute CNN am Abend. Alles wie gehabt, dieselben Kreise. Ein heller Vollmond stand bereits den dritten Tag am Himmel, als meine Maschine nach Europa abhob.

© Hannes Stuber