Der smarte Unterweltler

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Der smarte Unterweltler | story.one

Im Haus von Claudia, die Jahre später die Mutter meiner jüngsten Tochter werden sollte, wohnte damals ein seltsamer schneidiger Mann, der ebenfalls ein Auge auf die junge Psychologiestudentin geworfen hatte. Ich traf Harry, so hieß er, in ihrer Wohnung in der Koppstraße, wir tranken Kaffee und plauderten.

Er hielt nicht lange hinter dem Berg und erzählte mir von seiner Vergangenheit. Harry hatte zwei Jahre Haft hinter sich, weil er in Salzburg zwei Gemälde aus einem Museum abgeseilt und gestohlen hatte. Zurück in Wien, wollte er mit seinen Freunden aus der Unterwelt nichts mehr zu tun haben. Er war ein Kunstdieb. Geschäfte mit Prostitution und Drogen waren nicht seines. Er kannte sie alle, die Unterweltler Wiens, bis hinauf zum Roten Heinzi. Und er war eher der smarte Typ. Mit einem geleasten Honda Sportwagen schmuggelte er Türken, im Kofferraum versteckt, über die Grenze nach Deutschland und kassierte dafür 8000 Schilling. Doch dieses Geschäft ging nur schleppend.

Harry war pleite und wollte nicht arbeiten. Seine erste Idee war, Tausend-Schilling-Scheine zu fotokopieren und nachts unter die Leute zu bringen. Da er die Geldscheine nicht auf ein Stück Papier kopieren konnte, sondern auf deren zwei, die er zusammen klebte, wurden sie dick und unansehnlich. Das versuchte er mit Zerknüllen zu egalisieren. Mit Wasserfarben und Buntstiften kolorierte er das Schrödinger-Konterfei. Einen Schein wurde er los, doch schon beim zweiten Fall musste er Fersengeld geben, weil die Fälschung erkannt worden war.

Nun saß er in meiner Wohnung, beklagte sein Leid und borgte sich ab und zu einen Hunderter. Seine nächste Idee war ein Banküberfall. Im Wienerwald hatte er eine Bank ausgekundschaftet, wohin die Polizei aus dem Nachbarort zehn Minuten brauchen würde. Er wollte ein Motorrad und einen Fahrer, um über den Wald zu einem Fluchtauto zu gelangen. Der Fahrer sollte ich sein, denn im Moment vertraute er sonst niemandem. Harry bearbeitete mich lange, ehe ich nach gab.

Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film, als wir nachts durch die Randbezirke Wiens fuhren, um ein Motorrad zu stehlen. Wir luden eines in meinen Kleinbus und versuchten woanders, die Kette durchzusägen. Das gelang partout nicht. Daraufhin brachte ich die Maschine an ihren ursprünglichen Ort zurück - unter Harrys Zähneknirschen. Der prekäre Job als Fahrer für seinen Coup war damit für mich erledigt. Ich stieg aus.

Nachdem sein Banküberfall gescheitert war, dachte Harry an Einbruch. Er würde mit einem starken Auto, das eine eiserne Stoßstange besaß, in die Auslage eines Juweliers krachen und hätte drei Minuten Zeit, alles auszuräumen. Ich hörte nie wieder von Harry, er verschwand vollkommen von der Bildfläche. Einige Wochen später las ich in der Zeitung, dass in der Grazer Innenstadt ein Juwelier ausgeraubt worden war - mithilfe eines Autos, das in die Auslage hinein fuhr. Und wenige Monate später ereignete sich dasselbe Manöver bei einem Juwelier in München.

© Hannes Stuber