Die aufgemalte Schneeflocke

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Die aufgemalte Schneeflocke | story.one

Jeder Tag ist gefühlt grau. Es vergeht die Zeit? Nicht! Die unerbittlich zähe Dauer einer Sekunde, einer Stunde: zäh wie Leder. Jede Minute öd. Eintönige Tage. Wochen kriechen dahin wie schleimige Monster. Du willst schreien, darfst es aber nicht. Um nicht aufzufallen. Du willst mit dem Fuß gegen die dicke Tür treten. Darfst es nicht. Du liegst auf der Matratze einer achtzig Zentimeter breiten Pritsche, oben am Stockbett. Mit einem Vergewaltiger auf neun Quadratmetern. Im Gefängnis. Fenstergitter. Eisentüren. Endstation.

In einer muffigen Zelle - wie lebendig begraben. Brutale Hundstage des Sommers. Deine Haut klebt am Bettlaken. Du kannst dich drehen, wie du willst, du klebst immer und überall. Das Leben läuft in Rückblenden ab. Die Vergangenheit ist das Einzige, das du hast, und sie kann bedrückend sein. 23 Stunden täglich am Bett oder am Sessel zu sitzen, ist eine körperliche und seelische Quälerei. Die Strafe des Gesetzes, weil man Hanfpflanzen angebaut hat.

Mit einem Kugelschreiber male ich auf die fleckige gelbe Wand neben dem Bett, in der Höhe des Kopfpolsters, eine Schneeflocke. Sie ist mein Maskottchen, das ich jeden Abend vor dem Einschlafen anstarre. Ein magischer Talisman, der mir helfen soll, nicht den Winter über im Kerker zu schmoren, sondern bis zum ersten Schneefall wieder frei zu sein.

Die Enge des Raumes beklemmt mich. Die Zelle ist viereinhalb Meter lang. Wenn ich diese Distanz auf und ab gehe, wird mir bald schwindlig. Trotzdem marschiere ich manchmal eine Stunde oder länger hin und her wie ein Vollidiot. Nach einigen Wochen ertrage ich es nicht mehr, Musik zu hören. Denn sie ist etwas Lebendiges. Im Knast gibt es kein Leben, nur Zombies. Das Blau des Sommerhimmels, das Draußen, kann ich bald nicht mehr ansehen, es schmerzt. Der Gestank der Zelle durchdringt alles: meine Haut, die Haare, die Kleidung, die Bettwäsche, den Kasten. Ein säuerlicher Gestank, dem man nicht entkommen kann. Eine Mischung aus Toilette, Putzmitteln, Smog der Stadt, Schweiß und dem Kohlendioxid zweier Menschen.

An einem Nachmittag vermeine ich, leise einen Männerchor zu hören. Ein permanentes Summen von außerhalb. Stundenlang dieselbe Melodie. Dieselben bohrenden zehn Töne, die durch mein Gehirn ziehen. Ein auf und ab steigender rhythmischer summender Tinnitus, der zum Ohrwurm wird? Oder tatsächlich ein russischer Kosakenchor, der irgendwo in der Umgebung des Gefängnisses den ganzen Nachmittag über probt, vielleicht für ein Theaterstück oder irgendeine Eröffnung?

Die Abende sind öd und traurig. Der sinnlose Tag erlischt, um der sinnlosen Nacht Platz zu machen. Ein Vegetieren im Totenhaus. Die Decke senkt sich und drückt mich nieder. Ich betrachte die zwei Daumen breite Schneeflocke an der Wand, den sechseckigen Stern, den Schneekristall, an den ich glaube, glauben will, glauben muss. Ich starre auf die kleine Schneeflocke. Im Juli. Im August. Im September. Im Oktober. Dann geht der Kelch endlich an mir vorüber.

© Hannes Stuber