Die Verweigerung

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Die Verweigerung | story.one

Als der Lsd-Papst Timothy Leary auf der Flucht vor dem amerikanischen Geheimdienst 1972 in Wien Halt machte, wohnte er in einer Kommune in der Marokkanergasse. Regelmäßig gesichtet wurde er in meinem am Judenplatz gelegenen Stammlokal, dem Club Electronic, der abends eine Disco war. Zwei Jahre zuvor hatte man Leary in den USA wegen zwei Joints zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Nun war er ausgebrochen und geflohen. Wer als lokaler Psychonaut etwas auf sich hielt, pilgerte in den Club Electronic, um dem Evangelisten der psychedelischen Revolution die Hand zu schütteln und vielleicht ein paar erleuchtete Worte mit ihm zu wechseln.

Deary Leary war in Begleitung zweier sehr junger Damen, wurde mir erzählt, und hatte sein Gesicht weiß geschminkt. Mir war es zu dumm, einen berühmten bemalten Mann zu besichtigen, also weigerte ich mich, in den Club Electronic zu gehen, bis Leary nach Afghanistan abgereist war. 24 Jahre später starb er, ohne meine Hand geschüttelt zu haben. Ich glaube, er konnte es verschmerzen. Sieben Gramm seiner Asche wurden mit einer Rakete in den Weltraum geschossen.

Mit Claudia, einer Freundin war ich im Sommer 1977 mit dem Auto nach Saanen in die Schweiz gefahren. Der alte Krishnamurti, den die Theosophische Gesellschaft einst als neuen Messias aufbauen wollte, hielt Hof in einem großen Zelt und sprach über das Leben, die Liebe, die Freiheit und sonst noch alles. „Love is the only real revolution“, sagte er in seinem witzigen indischen Englisch. Seine treffsicheren, aber schockierenden und irritierenden Diagnosen über die Menschen faszinierten mich. Als sich nach dem Vortrag einige der Zuhörer, darunter auch Claudia, zu einem Meet-And-Greet anstellten, um dem Meister die Hand zu schütteln, verweigerte ich das. Mir lag sowas nicht. Acht Jahre später starb Krishnamurti, ohne mir die Hand geschüttelt zu haben. Ich denke, er konnte es verschmerzen.

Im Zug von Wien nach Feldkirch saß 2007 der Schriftsteller Adolf Holl mit seiner Frau in der Sitzreihe hinter uns. Jahrzehnte zuvor hatte er den live gesendeten Club-2 des ORF geleitet. Pfarrer in Favoriten war er gewesen, bis er wegen seiner ketzerischen Ansichten und Bücher, etwa seines beliebten "Jesus in schlechter Gesellschaft", suspendiert wurde. Holl tippte während der ganzen Zugfahrt Nachrichten auf einem Handy, das bei jedem Buchstaben recht laut piepste. Nur weil ich ihn sehr schätzte, verzichtete ich, ihn auf diese Rücksichtslosigkeit anzusprechen.

Ich vermied, ihn anzusehen, und gab nicht zu erkennen, dass ich ihn erkannte und wollte übrigens auch nicht seine Hand schütteln. Sein Wagen wurde wie meiner in Vorarlberg aus dem Autozug geladen. Ich fuhr mit meiner Tochter Chiara und meiner amerikanischen Nichte Christine nach Zürich. Wir besuchten die Love Parade. Dröhnende Lautsprecher auf Bussen, die am Seeufer fahren. Ein Lärm, ein Riesenspaß, ein Trubel. Ein Höllenzirkus. Wie damals, als Jesus in schlechter Gesellschaft war.

© Hannes Stuber 16.07.2019