Die Weltformel

Eigentlich hätte ich im Bett bleiben müssen. Heiße und kalte Schauer schüttelten mich, die Gelenke schmerzten. Doch es kam der Tag der nächsten, der bereits 14. Verhandlung in 16 Monaten. Ich musste hingehen! In einem vollgestopften Bus ging es zum Gerichtsgebäude von Sultan-Achmet. Ich fieberte. Man war mit Handschellen an einen Zweiten gekettet wie Vieh. In einem Keller musste man stundenlang auf den Termin warten. Zu trinken gab es nichts. Nach dem Aufruf ging es in Begleitung zweier bewaffneter Soldaten, einer mit Maschinenpistole, unter langen Rohrleitungen und Kabeln hindurch und über eine Hintertreppe zwei Stockwerke hinauf zum Gerichtssaal.

Das Richtertrio thronte über einem Pult. Zehn Minuten unverständliches türkisches Palaver. Freispruch? Oder wie? Rasch wieder ab! Die Soldaten mussten mich stützen, weil ich vom Fieber geschwächt war. Dass noch kein Gesetz gegen LSD in der Türkei existierte, störte den Staatsanwalt nicht, er forderte unverdrossen 30 Jahre Haft für den Import meines persönlichen Vorrats. Belastetet hatte mich einzig die Aussage eines Türken, der behauptete, die Tabletten von mir gekauft zu haben, obwohl er sie stahl. Nie war etwas bei mir gefunden worden.

Wir wurden zurück ins Gefängnis gekarrt. Es war Freitagabend. Ich schüttelte die Hände der Kameraden, sie schüttelten die Köpfe. Keiner hätte je geglaubt, dass ich freikommen würde. Ich hatte immer daran geglaubt. Im Häftlingsbus wurde ich mit Anderen in das Hauptquartier der Istanbuler Polizei gebracht, in den rückwärtigen Teil der Aula geführt, einen Kotter. Durch eine sieben Meter hohe Gitterwand wirkte er wie ein Käfig, ein Menschenkäfig. Etwa fünfzig grobschlächtige Gesichter glänzten, starrten mich an. Ein verlaustes Holzplateau, schmutzige Decken. Ich glühte. Es war Ende Jänner, geheizt wurde nicht. Vor Montag gab es keine Entlassung. Ich war frei, und das kümmerte niemanden. Schmerzensschreie hallten durch das Stiegenhaus: die Bastonade. Wenn die Opfer in den Gitterkäfig zurück kamen, mussten sie gestützt werden, weil die Sohlen geplatzt waren.

Mein Kopf war ein glühender Ballon. Alles dehnte sich und glänzte. Ich hatte das Gefühl, mich in einer Kugel zu befinden und fiebrig-heiße Luft zu atmen. Vom Klo her stank es bestialisch. Am zweiten Tag konnte ich nicht mehr essen. Das Zahnfleisch war aufgeplatzt und blutete. In einer Art Trance komponierte ich Musik mit Zahlen. Eingebungen rasten durch mein Hirn. Schlussendlich fand ich die Weltformel, die alles erklärte, alle Probleme der Welt lösen würde. Ich musste die Formel bloß noch rasch aufschreiben, denn sie war lang. Leider hatte ich weder Papier noch Stift, ebenso alle Anderen hier. Ich war am Ende mit meiner Energie, ausgebrannt, sehr müde, musste schlafen, lange schlafen. Doch alles würde gut werden, denn das Allerwichtigste, die Weltformel war gefunden. Sie würde Flora und Fauna, das Klima, die Menschheit, die sieben Meere und die Hoffnung retten.

© Hannes Stuber