Die Wunde

Die Russen waren nur noch zehn Kilometer entfernt. Man hörte den Kanonendonner.

Tausende Familien flüchteten aus den Dörfern, ließen alles zurück - Haus, Hof, Tiere. Am ersten Tag des allgemeinen Abtransports konnten sich Jakob, mein Großvater, nicht zur Flucht entschließen, denn Anna, meine Großmutter, war hochschwanger. Am nächsten Tag wurde das Kind geboren und sofort getauft. Man feierte mit Freud und Leid und schwerem Herzen ein hastiges Kindzeugungsfest: todtraurig, weil man am Morgen fort musste.

Die Kindbettfrau lag mit einem dreißig Stunden alten Baby auf dem von Pferden gezogenen Wagen, der mit Lebensmitteln, Pferdefutter, Kleidung und dem Nötigsten gepackt war. So zog das Gefährt mit der achtköpfigen Familie Ende Oktober in die Ungewißheit. Obenauf wurde ein Bett für Anna und das Baby gerichtet. Die zwei kleinen Kinder durften mit ihnen auf dem Wagen sitzen. Die drei größeren und mein Großvater, der die Pferde führte, gingen zu Fuß. Der Zug der Flüchtlinge führte am Friedhof vorbei, wo die Verwandten, die man mit mit Tränen zurückließ, in den Gräbern ruhten. Der Verlust der Heimat, der Wurzeln war ein tiefer Schnitt in der Seele, eine Wunde, die sich nie wieder schließen würde.

Jakobs Wagen blieb schon hundert Meter nach dem Kalvarienberg des Friedhofs im Schlamm stecken. Sie mussten zwei weitere Pferde vorspannen, um das Gefährt herauszuziehen. Die erste Nacht verbrachten sie im Nachbardorf. Zwei Tage später kamen sie bei Bestan zur Donau. Dort wollten mehrere Soldatenkompanien und 350 Flüchtlingsfuhrwerke über den Fluss nach Ungarn. Jakobs Wagen, mit dem drei Tage alten Baby und seiner Mutter obenauf, war der letzte des Trecks. Um nicht im Wald übernachten zu müssen, bat Jakob den Kommandanten, vorrücken zu dürfen - was gestattet wurde.

Die Dorfstraße in Kis-Kecseg hinauf konnten die erschöpften Pferde den Wagen nicht mehr ziehen, dieser stürzte rückwärts in den Straßengraben. Die Lasten fielen auf das Baby und seine Mutter. Wie durch ein Wunder geschah beiden nichts, das umgebene Gepäck hatte sie beschützt. Militär und Zivil kam zu Hilfe, der Wagen wurde aus dem Graben gezogen, alles gerettet.

Nach einigen Tagen erreichten sie den Plattensee, wo sie in einem Gasthaus übernachteten. In den Bergen bei Sümeg gerieten sie in winterliches Schlechtwetter und blieben drei Tage bei freundlichen Bauern. Anna und das Baby bekamen ein Bett. Sie durften sogar Brot backen. Bei Janoshaza befanden sie sich in einem langen Treck mit über eintausend Personen. In einem Dorf vor Sopron mussten sie auf der Wiese übernachten; im November, bitter kalt.

Fünf Wochen nach dem Aufbruch betraten sie österreichischen Boden. Im vierten Dorf nach der Grenze machten sie Halt. Dort weigerten sich die Bewohner, ihnen Nachtquartier zu geben, auch nicht in einer Scheune. Die Burgenländer mochten keine Donauschwaben. Alles, was fremd war, hasste man. Die deutschen Flüchtlinge wurden beschimpft und erfolgreich vertrieben.

© Hannes Stuber