Die Zigeuner in Saintes Maries de la Mer

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Die Zigeuner in Saintes Maries de la Mer | story.one

Schon der Name des Ortes klang verheißungsvoll: Les Saintes Maries de la Mer! Das Meer und die heiligen Marien - ich wollte unbedingt wieder dorthin! Es war Oktober. Schon im Mai war ich beim Zigeunerfest in Les Saintes Maries de la Mer gewesen, das jeden Mai und Oktober Tausende von Zigeunern aus ganz Europa anzieht - und Touristen dazu. The Time of the Gypsies: große Familientreffen, Tanz und Flamenco, aber auch Verehrung der drei heiligen Frauen. Die provenzalische Legende erzählte, anno 40 hätte ein Schiff hier angelegt, mit der Magdalena und einigen anderen an Bord, auch der Schwarzen Sarah. Im Jahr 1448 begannen die Zigeuner ihre jährliche und seitdem ununterbrochene Pilgerfahrt zur Sarah.

Südfrankreich war zu einem Sehnsuchtsort für mich geworden. Schwarze Stiere, weiße Pferde, rosa Flamingos und blaues Meer: das war die Camargue. Diesen Herbst nahm ich abermals den Zug nach Marseilles und Arles. Von dort fuhr ich per Anhalter in das Dorf an der Küste.

Die wenigen Straßen des Ortes waren von vielen Menschen bevölkert. Handleserinnen boten ihre Dienste an, spanische Trachten und Schmuck wurden verkauft. Einen Platz für mein Zelt fand ich am östlichen Ende des Dorfes, schon so halb in den Sanddünen. Es standen dort bereits mehrere Zelte junger Leute. Im Flimmern der Ferne sah ich Scharen von rosa Flamingos. Am Abend brannten Lagerfeuer, wurde in mehreren Sprachen gesungen und auf Gitarren gespielt, während die vom Wind gepeitschten Wellen an die Küste schlugen.

Die Kirche erinnerte an eine mexikanische, der Altar stammte aus der Zeit der Mithrasverehrung. Am ersten Tag des Festes fand eine Morgenmesse statt, am Nachmittag folgte die große Zeremonie. Die Statuen der beiden Marien und die der Sarah wurden aus der Kirche geholt und auf den Schultern der Reiter ins Meer getragen. Es war ein Riesentrubel. Die Reiter drängten ihre Pferde aneinander, die Menge trieb an die Pferde heran. Jeder wollte so nah wie möglich bei der Schwarzen Sarah sein oder sie gar berühren.

Später ging ich am Dorfrand spazieren und fand ein Gasthaus mit schattigem Garten. Ein Schild davor kündigte an, dass am Abend Manitas de Plata hier aufspielen würde. Gerne hätte ich dem virtuosen Gitarristen zugehört, doch mein Budget war derart marginal, dass ich sparen musste - also auf das Konzert verzichten. Ich traf einen Wiener Bekannten, den ich von der Schule kannte, und wir lernten bald darauf zwei junge Französinnen kennen, mit denen wir uns anfreundeten. Sie stellten ihr Zelt neben den unsrigen auf. Ab nun waren wir als Quartett unterwegs.

In einer großen Prozession wurden am zweiten Tag die Repliken der Statuen der Marien und der Sarah zum Strand getragen und in ein Boot gesetzt, damit sie das Meer segneten. Zum Abschluss fand eine Verbrennung der Repliken statt. Es qualmte auf den Wellen ... smoke on the water. Einige Tage später nahm ich Abschied von Les Saintes Maries und den Freunden, fuhr per Anhalter nach Arles und stieg in den Zug nach Paris.

© Hannes Stuber