Friedhof meiner Geschichten

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Friedhof meiner Geschichten | story.one

Es gibt Geschichten, die ich geschrieben habe, die aber nicht mehr existieren. Sie sind verloren und vergessen. Dürftige Erinnerungen alleine verbleiben.

Die Mutter aller Geschichten, die allererste, schrieb ich im Alter von 9 Jahren in ein ausgedientes Schulheft, als mir während der Sommerferien langweilig wurde; eine Geschichte, an deren Inhalt ich mich nicht erinnern kann, aber ich weiß, dass meine Mutter das Heft stolz der Nachbarin zeigte, wie sie mir viel später erzählte. Der Zufall will es, dass sowohl Aleksander Solschenizyn als auch Thomas Mann mit neun Jahren zu schreiben begannen. Nicht, dass dies etwas bedeuten sollte. Nur weil ich es hörte.

Die zweite Geschichte schrieb ich mit 15, sie hieß: „Der Steinzeitplanet“ und hatte 15 Seiten, die erste Geschichte, die ich auf einer Schreibmaschine tippte. Düstere Science-Fiction. Irgendwann in meiner Sturm- und Drangzeit habe ich sie weggeworfen. Der Text handelte von der Landung der Menschen auf einem fremden Planeten, dessen Bevölkerung sich in der Steinzeit befand. Dies, weil ein Atomkrieg alles in die Steinzeit zurückgebombt hatte. Die Expedition fand ein böses Ende. Die Astronauten wurden von den Primitiven mit ihren Speeren getötet.

Die dritte Geschichte schrieb ich mit 18, sie hieß: „Eine Reise nach Paris“ und hatte 36 Seiten, getippt für Deutsch in der Maturaschule Hörlgasse in Wien. Ich musste im Unterricht davon vorlesen. Das behagte mir nicht. Eine Christine, die in der Reihe vor mir saß, war so begeistert, dass sie bat, das Manuskript ausleihen zu dürfen. Anschließend wurde es von ihrer Mutter gelesen, die das Unikat vermutlich unabsichtlich mit dem Altpapier entsorgte. So ging die dritte Geschichte verloren. Sie handelte von einer Parisreise per Anhalter, von Tagen als Clochard an der Pont Neuf, wo einst Tempelritter verbrannt worden waren und wir nun mit Baguettes und Rotwein saßen, von einem unbekannten Schriftsteller, der hinter einem winzigen Fenster in der Wand einer Fabriksmauer in die Tasten seiner Schreibmaschine hämmerte. Wir gingen an dieser Mauer jedes Mal kurz vor oder nach Mitternacht vorüber, wenn wir, von der Metrostation kommend, der Rue Anatole France zustrebten, wo wir wohnten. Ich fragte mich, woran der Mann so manisch schrieb.

Die vierte Geschichte schrieb ich mit 21, sie hatte 130 Seiten und hieß: „Der lange Tag von Istanbul“. Ich kann mich nicht erinnern, wie dieses Manuskript verloren ging, in dem ich den Gefängnisalltag eines jungen Österreichers beschrieb, den man in Istanbul bestohlen und danach verleumdet hatte. Von der Polizei eingesperrt, vom Staatsanwalt angeklagt, wurde er erst nach fast anderthalb Jahren freigelassen.

Vor meinem inneren Kritiker hatten drei dieser Geschichten irgendwann keinen Bestand mehr und wurden entsorgt; eine wurde verborgt und ging verloren. So bleibt davon nichts als die Erinnerung - und jetzt noch diese vier symbolischen Grabsteine, vor die ich hiermit Blumen gelegt habe.

© Hannes Stuber 11.04.2019